Warum Kirche?
Glaube ist immer auch wesentlich Mitglauben.
Dass ich glauben kann, verdanke ich zunächst Gott, der sich mir zuwendet und
meinen Glauben sozusagen „entzündet". Aber ganz praktisch verdanke ich
meinen Glauben auch meinen Mitmenschen, die vor mir geglaubt haben und mit mir
glauben. Dieses „mit", ohne das es keinen persönlichen Glauben geben kann,
ist die Kirche.
(Erfurter Domplatz 24. 9. 11)
Reform der
Kirche?
Seit Jahrzehnten erleben wir einen Rückgang der religiösen Praxis,
stellen wir eine zunehmende Distanzierung beträchtlicher Teile der Getauften
vom kirchlichen Leben fest. Es kommt die Frage auf: Muss die Kirche sich nicht
ändern? Muss sie sich nicht in ihren Ämtern und Strukturen der Gegenwart
anpassen, um die suchenden und zweifelnden Menschen von heute zu erreichen?
Die selige Mutter Teresa wurde einmal gefragt, was sich ihrer Meinung nach als
erstes in der Kirche ändern müsse. Ihre Antwort war: Sie und ich!
An dieser kleinen Episode wird uns zweierlei deutlich. Einmal will die Ordensfrau
dem Gesprächspartner sagen: Kirche sind nicht nur die anderen, nicht nur die
Hierarchie, der Papst und die Bischöfe; Kirche sind wir alle, wir, die
Getauften. Zum anderen geht sie tatsächlich davon aus: ja, es gibt Anlass, sich
zu ändern. Es ist Änderungsbedarf vorhanden. Jeder Christ und die Gemeinschaft
der Gläubigen sind zur stetigen Änderung aufgerufen.
(Rede vor engagierten Katholiken 25.9.11)
Ich ermutige die Kirche in Deutschland, mit Kraft und Zuversicht
den Weg des Glaubens weiterzugehen, der Menschen dazu führt, zu den Wurzeln,
zum wesentlichen Kern der Frohbotschaft Christi zurückzukehren. „Es gibt nichts
Schöneres, als Christus zu kennen und den anderen die Freundschaft mit ihm zu
schenken“ (Predigt zur Amtseinführung, 24. April 2005). Aus dieser
Erfahrung wächst schließlich die Gewissheit: „Wo Gott ist, da ist Zukunft!“ Wo
Gott zugegen ist, da ist Hoffnung und da eröffnen sich neue, oft ungeahnte
Perspektiven, die über den Tag und das nur Kurzlebige hinausreichen. In diesem
Sinne begleite ich in Gedanken und im Gebet den Weg der Kirche in Deutschland.
(Abschiedsrede
auf dem Flughafen Lahr 25.9.11)
Die eigentliche Krise der Kirche in der westlichen Welt ist eine
Krise des Glaubens. Wenn wir nicht zu einer wirklichen Erneuerung des Glaubens
finden, wird alle strukturelle Reform wirkungslos bleiben.
(Ansprache vor dem ZDK 24.9.11)
Was ist
Glaube?
Braucht der Mensch Gott, oder geht es auch ohne ihn ganz gut? Wenn
in einer ersten Phase der Abwesenheit Gottes sein Licht noch nachleuchtet und
die Ordnungen des menschlichen Daseins zusammenhält, scheint es, dass es auch
ohne Gott geht. Aber je weiter die Welt sich von Gott entfernt, desto klarer
wird, daß der Mensch in der Hybris der Macht, in der
Leere des Herzens und im Verlangen nach Erfüllung und Glück immer mehr das
Leben verliert. Der Durst nach dem Unendlichen ist im Menschen unausrottbar da.
Der Mensch ist auf Gott hin erschaffen und braucht ihn. Ein selbstgemachter
Glaube ist wertlos. Der Glaube ist nicht etwas, was wir ausdenken oder aushandeln.
Er ist die Grundlage, auf der wir leben. Nicht durch Abwägung von Vor- und
Nachteilen, sondern nur durch tieferes Hineindenken und Hineinleben in den
Glauben wächst Einheit.
(Beim Ökumenischen Gottesdienst in Erfurt
23.9.11)
Fragen wir uns dann: Wie steht es mit meiner persönlichen
Gottesbeziehung – im Gebet, in der sonntäglichen Messfeier,
in der Vertiefung des Glaubens durch die Betrachtung der Heiligen Schrift und
das Studium des Katechismus der Katholischen Kirche? Liebe Freunde! Die
Erneuerung der Kirche kann letztlich nur durch die Bereitschaft zur Umkehr und
durch einen erneuerten Glauben kommen.
(Messfeier
Freiburg 25.9.11)
Er, der von sich sagt: „Ich bin das Licht der Welt“ (Joh 8,12),
bringt unser Leben zum Leuchten, damit wahr wird, was wir soeben im Evangelium
gehört haben: „Ihr seid
das Licht der Welt“ (Mt 5,14).
Es sind nicht unsere menschlichen Anstrengungen oder der technische Fortschritt
unserer Zeit, die Licht in diese Welt bringen. Immer wieder müssen wir es ja
erleben, dass unser Mühen um eine bessere und gerechtere Ordnung an seine
Grenzen stößt. Das Leiden der Unschuldigen und letztlich der Tod eines jeden
Menschen sind ein undurchdringliches Dunkel, das vielleicht von neuen
Erfahrungen her für einen Moment, wie durch einen Blitz in der Nacht, erhellt
werden mag. Am Ende bleibt aber doch eine beängstigende Finsternis.
Es mag um uns herum dunkel und finster sein, und doch schauen wir ein Licht:
eine kleine, winzige Flamme, die stärker ist als die so mächtig und
unüberwindbar scheinende Dunkelheit. Christus, der von den Toten auferstanden
ist, leuchtet in dieser Welt und gerade dort am hellsten, wo nach menschlichem
Ermessen alles düster und hoffnungslos ist. Er hat den Tod besiegt – Er lebt –
und der Glaube an ihn durchbricht wie ein kleines Licht all das, was finster
und bedrohlich ist. Wer an Jesus glaubt, hat sicherlich nicht immer
Sonnenschein im Leben, so als ob ihm Leiden und Schwierigkeiten erspart bleiben
könnten, aber stets gibt es da einen hellen Schein, der ihm einen Weg zeigt, der
zum Leben in Fülle führt (vgl. Joh10,10).
Wer an Christus glaubt, dessen Augen schauen auch in der dunkelsten Nacht ein
Licht und sehen schon das Leuchten eines neuen Tages.
Liebe Freunde, Christus achtet nicht so sehr darauf, wie oft ihr im Leben strauchelt,
sondern wie oft ihr wieder aufsteht. Er fordert keine Glanzleistungen, sondern
möchte, dass Sein Licht in euch scheint. Er ruft euch nicht, weil ihr gut und
vollkommen seid, sondern weil Er gut ist und euch zu seinen Freunden machen
will. Ja, ihr seid das Licht der Welt, weil Jesus euer Licht ist. Ihr seid
Christen – nicht weil ihr Besonderes und Herausragendes tut, sondern weil Er,
Christus, euer Leben ist. Ihr seid heilig, weil seine Gnade in euch wirkt.
(Bei
der Gebetsvigil mit Jugendlichen 24.9.11)
Zeitkritik
Stellen wir uns vor, ein solches exposure-Programm
fände hier in Deutschland statt. Experten aus einem fernen Land würden sich
aufmachen, um eine Woche bei einer deutschen Durchschnittsfamilie zu leben. Sie
würden vieles hier bewundern, z. B. den Wohlstand, die Ordnung und die
Effizienz. Aber sie würden mit unvoreingenommenen Blick auch viel Armut
feststellen: Armut, was die menschlichen Beziehungen betrifft, und Armut im
religiösen Bereich.
Wir beobachten, wie dieser Relativismus immer mehr Einfluss auf die
menschlichen Beziehungen und auf die Gesellschaft ausübt. Dies schlägt sich
auch in der Unbeständigkeit und Sprunghaftigkeit vieler Menschen und einem
übersteigerten Individualismus nieder. Mancher scheint überhaupt keinen
Verzicht mehr leisten oder ein Opfer für andere auf sich nehmen zu können. Auch
das selbstlose Engagement für das Gemeinwohl, im sozialen und kulturellen
Bereich oder für Bedürftige nimmt ab. Andere sind überhaupt nicht mehr in der
Lage, sich uneingeschränkt an einen Partner zu binden. Man findet kaum noch den
Mut zu versprechen, ein Leben lang treu zu sein; sich das Herz zu nehmen und zu
sagen, ich gehöre jetzt ganz dir, oder entschlossen für Treue und
Wahrhaftigkeit einzustehen und aufrichtig die Lösung von Problemen zu suchen.
Die eigentliche Krise der Kirche in der westlichen Welt ist eine Krise des
Glaubens. Wenn wir nicht zu einer wirklichen Erneuerung des Glaubens finden,
wird alle strukturelle Reform wirkungslos bleiben.
(Ansprache vor dem ZDK 24.9.11)
Ökumene
Muss man dem Säkularisierungsdruck nachgeben, modern werden durch
Verdünnung des Glaubens? Natürlich muss der Glaube heute neu gedacht und vor
allem neu gelebt werden, damit er Gegenwart wird. Aber nicht Verdünnung des
Glaubens hilft, sondern nur ihn ganz zu leben in unserem Heute. Dies ist eine
zentrale ökumenische Aufgabe. Dazu sollten wir uns gegenseitig helfen: tiefer
und lebendiger zu glauben. Nicht Taktiken retten uns, retten das Christentum,
sondern neu gedachter und neu gelebter Glaube, durch den Christus und mit ihm
der lebendige Gott in diese unsere Welt hereintritt.
(Ansprache vor Repräsentanten der EKD
23.9.11)
Unser erster ökumenischer Dienst in dieser Zeit muss es sein,
gemeinsam die Gegenwart des lebendigen Gottes zu bezeugen und damit der Welt die
Antwort zu geben, die sie braucht.
Aber der Glaube der Christen beruht nicht auf einer Abwägung unserer Vor- und
Nachteile. Ein selbstgemachter Glaube ist wertlos. Der Glaube ist nicht etwas,
was wir ausdenken oder aushandeln. Er ist die Grundlage, auf der wir leben.
Nicht durch Abwägung von Vor- und Nachteilen, sondern nur durch tieferes
Hineindenken und Hineinleben in den Glauben wächst Einheit.
(Beim Ökumenischen Gottesdienst in Erfurt
23.9.11)
Maria
Wenn sich Christen zu allen Zeiten und an allen Orten an Maria
wenden, dann lassen sie sich dabei von der spontanen Gewissheit leiten, dass
Jesus seiner Mutter ihre Bitten nicht abschlagen kann; und sie stützen sich auf
das unerschütterliche Vertrauen, dass Maria zugleich
auch unsere Mutter ist – eine Mutter, die das größte aller Leiden
erfahren hat, alle unsere Nöte mitempfindet und mütterlich auf ihre Überwindung
sinnt. Wie viele Menschen sind Jahrhunderte hindurch zu Maria gepilgert, um vor
dem Bild der Schmerzensreichen – wie hier in Etzelsbach
– Trost und Stärkung zu finden!
Unser Vertrauen auf die wirksame Fürsprache der Gottesmutter und unsere
Dankbarkeit für die immer wieder erfahrene Hilfe tragen in sich selbst
gleichsam den Impuls, über die Bedürfnisse des Augenblicks hinauszudenken. Was
will Maria uns eigentlich sagen, wenn sie uns aus der Not errettet? Sie will
uns helfen, die Weite und Tiefe unserer christlichen Berufung zu erfassen. Sie
will uns in mütterlicher Behutsamkeit verstehen lassen, dass unser ganzes Leben
Antwort sein soll auf die erbarmungsreiche Liebe unseres Gottes. Begreife – so
scheint sie uns zu sagen –, dass Gott, der die Quelle alles Guten ist und der
nie etwas anderes will als dein wahres Glück, das Recht hat, von dir ein Leben
zu fordern, das sich rückhaltlos und freudig seinem Willen überantwortet und
danach trachtet, dass auch die anderen ein Gleiches tun. „Wo Gott ist, da ist
Zukunft". In der Tat – wo wir Gottes Liebe ganz über unser Leben wirken
lassen, dort ist der Himmel offen. Dort ist es möglich, die Gegenwart so zu gestalten,
dass sie mehr und mehr der Frohbotschaft unseres Herrn Jesus Christus
entspricht. Dort haben die kleinen Dinge des Alltags ihren Sinn, und dort
finden die großen Probleme ihre Lösung.
(Marienvesper im Eichsfeld 23.9.11)
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