Christus

Pfarrer Dr. Johannes Holdt

Medjugorje - ein Reisetagebuch

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Medjugorje, 16. Oktober 2000, 23.00 Uhr

Heute am Spätnachmittag in Medjugorje angekommen.

Branco Miletic, bei dem ich wohne, hat mich und zwei andere Gäste am Flughafen in Split abgeholt.

Mit dem deutschen Ehepaar entwickelt sich während der dreistündigen Autofahrt ein intensives Gespräch.- Ob ich schon einmal in Medjugorje gewesen sei? – Ich verneine. Warum ich jetzt hinkomme? – Ich sage, wie es ist: Ich will mir (endlich) ein eigenes Bild von Medjugorje machen. Möglichst vorurteilsfrei möchte ich mir ein Urteil bilden über den Ort, an dem es seit 20 Jahren Marienerscheinungen geben soll.

Letzter Anstoß war ein Vortrag von Hubert Liebherr Anfang des Jahres. Er berichtete von seinen "zwei Leben": vor Medjugorje als Unternehmer und Lebemann; seit Medjugorje als Reisender in Sachen Neuevangelisierung (Gründer der >Medjugorje-Deutschland< e.V.). Liebherr schloss seine packenden Ausführungen mit dem Appell: "Wer immer unter den Zuhörern jetzt den Gedanken hat, nach Medjugorje zu fahren: Bitte setzen sie ihn unbedingt in die Tat um!"

Dem deutschen Herrn scheint meine ganz unpathetische Motivation zu gefallen. Er ist nur seiner Frau zuliebe mit von der Partie. Sie schleppt ihn kreuz und quer um den Globus von Wallfahrtsort zu Wallfahrtsort. Ich finde es nett von ihm – und das sage ich ihm auch – dass er sie trotz eigener Skepsis begleitet. Er gibt aber auch zu, dass Wallfahrtsorte oft interessanter sind als normale Touristenziele.

Nach dem üppigen Abendessen bei Branko erste Eindrücke bei einem nächtlichen Spaziergang durch Medjugorje.

-Mehrere Gruppen von Amerikanern, spielende Kinder vor einem Haus, eins ruft dem andern zu: "You know, we should pray..."

-Vor einem Kreuz vor der Kirche Kerzenlichter, Farbige beten den Rosenkranz; Amerikaner ? Beim Näherkommen ist französisch zu hören; 6 junge Erwachsene ( 3 weibl., 3 männl. ) beten vor. Ganz in sich gekehrt. Als die farbigen Frauen gehen – und ich auch – beginnt die junge Gruppe einen weiteren Rosenkranz...

-Im Souvenierladen läuft ein Video über Medjugorje. Englisch, aber ich erfahre das Wesentliche über die Örtlichkeiten. – z.B. über die "Königin-des-Friedens-Statue" auf dem Kirchvorplatz, an der ich vorher einfach vorbeigelaufen war.

Medjugorje, 17. Oktober 2000

Um 9.00 Uhr: Konzelebration bei der deutschen Messfeier;

Dort Sr.Hildegard von der "Gemeinschaft der Seligpreisungen" kennengelernt. Sie stellt ein Treffen mit der Seherin Vizca für den nächsten Morgen in Aussicht. Ausserdem soll ich am Mittwoch (Hl.Lukas) Hauptzelebrant sein und (kurz!) predigen.

Nach der Messe hält der Pilgerpater Slavko einen Vortrag für die deutschen Pilger.

Wenn gefragt wird:"Warum nach Medjugorje gehen, man kann doch überall zu Gott beten ?" - Antwort der "Gospa" (Madonna): "Ja, aber ihr tut es nicht..." Ist das der Kern von Medjugorje ? – Ein Aufruf und eine Hilfe, das theoretisch Gewusste auch zu tun.

Im Haus der "Gemeinschaft der Seligpreisungen" höre ich einen Vortrag von Sr.Hildegard. Nachher rät sie mir, am Nachmittag nicht die (etwa 3-stündige) Tour zu Pater Jozo zu machen, sondern in die Natur zu gehen. Zumal das Wetter grad so schön sei..."Ausserdem können sie sich Pater Jozo dann fürs nächste Mal aufheben..."

Beim Mittagessen in einem Restaurant an der Straße viele Englischsprachige. Frauen am Nebentisch, die ich für Mexikaner halte, geben sich als Kanadier zu erkennen; sie fragen mich, ob ich ihren "stuff" segnen könne. Nachher bittet mich noch jede um mein Gebet.

Schon vorher sprach mich ein Mann an: "Geben Sie mir bitte den Segen ?" – und kniete auf den Boden.

Am Nachmittag besteige ich den Kreuzberg. – Ein Gleichnis für den steilen und steinigen Weg des Christen, der aber am Ende zum Ziel führt.

Beim Abstieg kommt es bei einer riskanten Abkürzung zum Unfall...- Die linke Hand blutet und der Ringfinger ist im 2.Gelenk im 90 Grad-Winkel nach hinten abgeknickt. Ein Glück im Unglück ist dann der talentierte Chiropraktiker, zu dem mich Branko bringt ("Krankenhaus in Mostar? - Nur Prozeduren!") und die Tatsache, dass der Finger nicht gebrochen ist.

150 DM zahle ich für Behandlung und Fahrt. Am Tag später geben mir Schweizer 100 Fr. für eine Messe, das sind: 125 DM...

Abends intensive Gespräche in der Pension. Ich glaube, meine Gegenwart regt die Leute irgendwie an, ihre Geschichte auszupacken. Ergebnis: Keine Gruppe von Superfrommen, sondern im Gegenteil: Geschiedene, Alkoholkranke, Ausgetretene ...

"Meine Kinder" nennt die Gospa die Menschen in ihren Botschaften. – Zieht es

gerade die "Sorgenkinder" hierher ?

Medjugorje, 18. Oktober 2000

Morgens um 8.00 Uhr spricht Vizca zu den deutschen Pilgern. Sehr ausgezehrt, aber freundlich lächelnd und manchen zuwinkend. Wiederholt die bekannten Botschaften. (Beten, v.a. den Rosenkranz und fasten. Wer krank ist, soll auf eine Annehmlichkeit verzichten). Die Gospa sagt, es sei eine Gnade, dass sie hier erscheinen dürfe.

Nachher Messe und Predigt am St.-Lukas-Fest. Predigt über das Wort: "Bittet den Herrn der Ernte, Arbeiter in die Ernte zu senden".

Eine junge Frau steht auf und verlässt die Kirche.- Wegen mir ? Ein Italiener kommt später und berichtet es mir. Ob er so was in Italien auch schon erlebt hat ?

Und dann ein älterer Deutscher im Informationsbüro: "Und Sie zitieren sogar den Dyba. – Gibt’s denn so was"... Später zeigt sich: nicht Kritik sondern Verbitterung spricht aus ihm. Er hat schon zuviel mit dem deutschen Klerus mitmachen müssen.

Nachmittags: Berg der Erscheinung, (wieder mühsam – aber was ist mit denen, die hier barfuss gehen ?! ) und dann um 17.00 Uhr das klassische Medjugorje – Abendprogramm in der St. Jakobs-Kirche: 2 Rosenkränze , kurz vor 18 Uhr fünf Minuten Stille , (jetzt haben die Seher die Erscheinung), dann kroatische Messe, danach um 19 Uhr Heilungsgebete und Segen von Pater Slavko und dann der dritte Rosenkranz. Schätzungsweise 700 Leute in der Kirche. Sprachenvielfalt beim Rosenkranz, aber es funktioniert. Während der Messe setze ich mich mal in den Beichtstuhl – Medjugorje soll doch der "Beichtstuhl der Welt" sein.

Drei lange Beichten von eigentlich frommen Leuten. Weniger Beichte als seelsorgerliches Gespräch. - Bin ein bisschen enttäuscht. – Warum?

Nach dem Abendessen gehe ich noch mal in die Kirche zur Eucharistischen Anbetung. - Pater Slavko ganz hingegeben. Charismatische Elemente. Schön und feierlich. Allerdings: Velum zum Segen und dergleichen werden nicht benötigt. Überhaupt gilt hier in liturgischen Dingen - um es positiv auszudrücken: franziskanische Einfachheit...

Medjugorje, 19. Oktober 2000

Morgens auf dem Weg zum Erscheinungsberg bekomme ich nochmal eine Ansprache von Vizca mit. – Identisch mit dem Vortag.

Eine Äusserung prägt sich mir ein: Die Gospa bittet um das Gebet für einen "bestimmten Plan, den sie hat"...

Am Schluß lasse ich mich von Vizca segnen.

Mir fällt ein Satz aus Slavkos Vortrag ein: "Wenn Medjugorje nicht von Maria kommt – Frage: Von wem soll es kommen ?"

Besuch in der "Oase des Friedens" und beim "Zönakel-Projekt" mit 100, z.T. ehemals drogensüchtigen Jugendlichen. - Auch das Früchte am Baum Medjugorje.

Großer Moment: Ich bin Zeuge einer "Erscheinung".

Marija Pawolowitsch, zur Zeit in der Stadt, hat sich von einer kanadischen Pilgergruppe ins "Haus des Friedens" einladen lassen. Ich habe davon erfahren. Es lohnt sich eben doch, wenn man mit den Leuten spricht. - Vieles, das meiste über Medjugorje habe ich durch "zufällige" Gespräche erfahren.

Wenn wahr ist, dass Medjugorje übernatürlichen Ursprungs ist, dann habe ich wirklich erlebt, wie die "Gospa" kommt.

Man sieht, hört, fühlt nichts besonderes. (Aber ist das bei der Eucharistie nicht genauso ?)

Nachher fragen die Kanadier ganz freimütig: "Ist sie schön?" – "Sehr schön! - Sie sagt: >Ich bin schön, weil ich liebe< ".

"Was hat sie an?" - "Graues Kleid –weißer Schleier. – An Festen Gold."

"Blau nichts?" – "Nur die Augen."

Manchmal seien auch Engel dabei. Sie schwebt immer auf einer Wolke. "Sie berührt die Erde nie!"

Danach eilig zur Kirche. – Einer jungen Frau aus der Gruppe meiner Pension hatte ich versprochen, die Beichte abzunehmen.

Heute läuft es anders. – Pönitenten mit wirklichen Lasten. Österreicher, Schweizer, Deutsche. Können Sie mit meinen Ratschlägen etwas anfangen? Das Entscheidende ist die Frucht des Beichtsakraments: der Friede.

"Königin des Friedens" wird Maria in Medjugorje genannt...

Ich bekomme noch das Ende der Eucharistischen Andacht mit, von der Empore aus.- Heute berührt sie mich noch mehr. Besonders ein Text, verlesen wie immer nacheinander in den wichtigsten Sprachen.

In Englisch von Pater Slavko lautete er etwa so:

"A man tells: > In these days in Medjugorje I saw an old friend of mine. After 20 years we met again. We were so glad, the whole evening we were together, we ate and drank and talked about the old times <.

Jesus: today I have no desire, I’m asking you for nothing. I am just happy to be with you. – I am so glad, that you are here and we both are together at the table of love".

Medjugorje, 20. Oktober 2000

Nach der deutschsprachigen Messfeier um 9.00 Uhr Abschied von Medjugorje.

In den Fübitten gedachte ich derer, die sich in Medjugorje um die Seelsorge kümmern: Die Franziskaner, die Priester und Ordensschwestern, die Mitglieder der Geistlichen Gemeinschaften. Auch für die Seher formulierte ich eine Bitte: Gott möge sie stärken in ihrem schweren Auftrag.

Dann Fahrt zurück zum Flughafen in Split – traumhaft die Straße entlang der Adria-Küste. Man müsste einen Medjugorje-Aufenthalt kombinieren mit ein paar Tagen am Meer. – Einige machen es so, meint Branko, der mich wieder fährt.

Branko erzählt ein bisschen von sich. - Während des Kriegs wurde sein dreistöckiges Haus samt Werkstatt in Mostar von den Serben zerstört.- Sein Lebenswerk kaputt. Um den Wiederaufbau zu finanzieren hat er mit der kleinen Pension in Medjugorje, seiner Heimatstadt, angefangen.

Vor dem Flughafen in Split stehen große Busse. "Die fahren nach Medjugorje", sagt Branko, "Iren und Amerikaner." Im Durchschnitt kämen pro Woche 5000 Pilger. Italiener, Franzosen, Deutsche, Österreicher, Schweizer, Engländer, Iren, Amerikaner. 5000 pro Woche, das macht im Jahr: 250 000...

Aus der Wartehalle des Flughafens erklingt lauter Gesang: "Ave, Ave Maria". Eine amerikanische Gruppe betet vor dem Abflug nach New York den Rosenkranz . - Habe ich so was schon mal bei Deutschen erlebt?

Zwischenstop in Lubljana. Um 20 vor 6 fällt mir ein: Jetzt findet die Erscheinung statt! – Ich bete ein Ave Maria.

München, 21.Oktober 2000

Wieder in Deutschland.

Was bleibt von Medjugorje ?

Das sichere Wissen, nicht zum letzten Mal dort gewesen zu sein. (Vielen scheint es so zu gehen.)

Beim nächsten Besuch muss ich Pater Jozo treffen. – Jemand erzählte mir, was bei einer Begegnung von überwiegend amerikanischen Pilgern und Jozo am Donnerstag passiert ist: Die Stimmung während des Vortrags von Jozo sei irgendwie kühl gewesen. Vor allem die anwesenden Priester zeigten sich distanziert. Jozo schlug dann vor, ihnen die Kraft des priesterlichen Segens zu demonstrieren. Die Gruppe stellte sich vor ihm auf und er legte allen die Hände auf. – Sämtliche Priester kippten dabei um (und wurden von Helfern aufgefangen). – Von den übrigen Gläubigen geschah das nur ein paar.

Jozo hat vor 20 Jahren die Wallfahrt nach Medjugorje aufgebaut (nachdem ihm nach anfänglicher Skepsis den Sehern gegenüber selbst eine Vision der Gospa zuteil geworden war). Er hat sich dafür viel Verfolgung eingehandelt. Die Kommunisten steckten ihn 2 Jahre ins Gefängnis und schlugen ihm die Zähne aus. Man erzählt: Jede Nacht sei die Gefängnistür – wie einst bei Petrus – offengestanden. Auch innerkirchlich gab und gibt es Anfeindungen.

Der Bischof von Mostar wollte die Wallfahrt von Rom verbieten lassen. Kardinal Ratzinger lehnte das ab und entzog ihm die Leitung der Untersuchungskommision. Vielleicht waren unredliche Motive (Neid, Eifersucht...) einfach zu offensichtlich.

Auch heute ist das Verhältnis mit der Diözese gespannt. Gerade in diesen Tagen liegen wieder dunkle Wolken über der Wallfahrt, heißt es.

Pater Slavko – Nachfolger von Jozo als Wallfahrtsleiter - und Pater Jozo hätten ein Rekreationshaus für Geistliche in Medjugorje eröffnet, erzählte mir eine Schwester von der "Gemeinschaft der Seligpreisungen". – Ich solle das weitersagen.

Was bleibt von Medjugorje ?

Ein Satz aus dem 1. Johannesbrief kommt mir in den Sinn: " Wir wollen nicht in Worten lieben, sondern in Tat und Wahrheit".

Aus der Theorie des Glaubens sollen konkrete Akte der Gottesliebe werden.

Ein Leben des Gebets, der Hingabe an Gottes Willen.

Darum scheint es bei den Botschaften zu gehen.

Aber das ist noch nicht alles.

Maria, die "Gospa" spielt eine zentrale Rolle. – Sie gibt sich als Kämpferin für das Reich Gottes zu erkennen. "Pläne" hat sie, zu deren Ausführung sie die Mithilfe der Gläubigen braucht. – Von daher ist verständlich, warum Medjugorje-Anhänger so viel tun, fasten und beten über das Normalmaß hinaus. Sie verstehen das als spirituellen Beitrag für die Pläne und Kämpfe der Gottesmutter.

Irgendwie ist der Gedanke faszinierend. Er muss noch in mir arbeiten. Aber vergessen werde ich ihn nicht mehr.

Manches an Medjugorje ist extrem.

Zwei Mal pro Woche fasten bei Wasser und Brot. Zu Fuß den steinigen, steilen Kreuzberg erklimmen und dabei den Rosenkranz beten.

Das ist wirklich extrem.

Aber wie, wenn die Lage der heutigen Menschheit auch extrem wäre ?

Kann man ruhig bleiben und gemütlich vor sich hin leben angesichts der Horrormeldungen, die uns jeden Tag erreichen ? Hunderttausende klicken "snuff-movies" im Internet an, um sich am Mord an Säuglingen und Kindern zu delektieren.

Wie soll man sich da verhalten ?

Medjugorje sagt: Schafft ein Gegengewicht!

Versucht durch Gebet und Opfer die geistige Waagschale der Menschheit zu beeinflussen. Auch dieser Gedanke muss noch in mir reifen. Aber auch ihn werde ich nicht mehr vergessen.

 

Nachschrift

Botschaft vom 25. Oktober 2000

"Liebe Kinder!

Heute möchte ich euch mein mütterliches Herz öffnen und euch alle zum Gebet für meine Anliegen aufrufen. Ich möchte das Gebet mit euch erneuern und euch zum Fasten aufrufen, das ich meinem Sohn Jesus für das Kommen einer neuen Zeit – einer Zeit des Frühlings – darbringen möchte.

In diesem Jubiläumsjahr haben sich mir viele Herzen geöffnet und die Kirche wird im Geist erneuert.

Ich freue mich mit euch und ich danke Gott für diese Gabe, und euch, meine lieben Kinder, rufe ich auf: betet, betet, betet, bis das Gebet für euch zur Freude wird.

Danke, dass ihr meinem Ruf gefolgt seid!"

 


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