Zu Beginn des Herbstes, wenn die Sonne ins Sternbild
der Waage tritt, begeht die Kirche das Fest des Erzengels Michael. Das
kosmische Zeichen erinnert an die Aufgabe des Seelenwägens, die dem hl.
Michael zugeschrieben wird. Die herbstliche Jahreszeit aber verweist auf
die Ernte am Ende der Zeit, die nach dem Evangelium von den Engeln
eingebracht wird.
"Wer ist wie Gott?" - das bedeutet der Name Michael
seinem hebräischen Wortsinn nach. Das wichtigste biblische Zeugnis für
Michael findet sich im letzten Buch der Schrift, der Apokalypse. Der
Seher Johannes schaut in einer Vision einen Kampf im Himmel zwischen den
guten und den bösen Engelmächten:
"Michael und seine Engel erhoben sich, um mit dem
Drachen zu kämpfen. Der Drache und seine Engel kämpften, aber sie
konnten sich nicht halten, und sie verloren ihren Platz im Himmel. Er
wurde gestürzt, der große Drache, die alte Schlange, die Teufel oder
Satan heißt und die ganze Welt verführt...und mit ihm wurden seine Engel
hinabgeworfen" (Offb 12, 7-9).
Michael erscheint hier als Kämpfer gegen Satan und die
Dämonen, jene Geistwesen, die sich von Gott abgekehrt haben. Sein Name
ist Programm: Wer ist wie Gott? - Wer will es wagen, Gott den Rang
streitig zu machen? - Wer will die Ehre und Majestät des Schöpfers
angreifen?
Auch im Alten Testament ist die Gestalt des Michael
präsent. Dem Propheten Daniel wird Michael als "der große Engelfürst"
offenbart, "der für die Söhne deines Volkes eintritt" (Dan 12,1).
Aus dieser Stelle läßt sich zum einen der hohe
hierarchische Rang des Engels entnehmen ("großer Engelfürst"), zum
anderen seine Hinordnung auf das Gottesvolk der Gläubigen. Wiederholt
erfährt Israel in seiner Geschichte die Hilfe seines himmlischen
Schirmherrn, am eindrucksvollsten vielleicht bei der wunderbaren
Einnahme der Festung Jericho. Die Mauern der als uneinnehmbar geltenden
Stadt wurden bekanntlich nicht durch Waffengewalt, sondern allein durch
den Schall der Hörner und Posaunen zum Einsturz gebracht. Welche Macht
hinter diesem wunderbaren Sieg steht, erfährt man aus der Vorgeschichte
des Jericho-Berichts:
"Als Josua, der Anführer Israels, bei Jericho war und
Ausschau hielt, sah er plötzlich einen Mann mit einem gezückten Schwert
in der Hand vor sich stehen. Josua ging auf ihn zu und fragte ihn:
Gehörst du zu uns oder zu unsern Feinden? Er antwortete: Nein, ich bin
der Anführer des Heeres des Herrn. Ich bin soeben gekommen. Da warf sich
Josua vor ihm zu Boden, um ihm zu huldigen und fragte ihn: Was befiehlt
mein Herr seinem Knecht? Der Anführer des Heeres des Herrn antwortete
Josua: Zieh deine Schuhe aus. Denn der Ort, wo du stehst, ist heilig.
Und Josua tat es "(Jos 5, 13-15).
Auch wenn die geheimnisvolle Gestalt mit dem gezückten
Schwert ihren Namen nicht nennt, so kann in der Zusammenschau mit
anderen Schriftstellen kein Zweifel bestehen, dass der "Anführer des
Heeres des Herrn" niemand anderes als der zum Schutz des Gottesvolkes
bestimmte Michael ist. Das Heer des Herrn unter seinem Anführer Michael
also war es, das in Jericho unsichtbar für die Israeliten kämpfte.
Ähnliches wird später der Prophet Elischa erleben. Als
die Stadt Dotan von den feindlichen Truppen der Aramäer eingeschlossen
ist, wendet sich ein Diener des Propheten an Elischa: "Wehe, mein Herr,
was sollen wir tun? Doch dieser sagt: Fürchte dich nicht. Bei uns sind
mehr als bei jenen. Dann betete Elischa: Herr, öffne ihm die Augen,
damit er sieht. Und der Herr öffnete dem Diener die Augen: Er sah den
Berg rings um Elischa voll von feurigen Pferden und Wagen" (2 Kön 6,
15-17).
Dass der hl. Michael sein Schutzamt auch über das
Gottesvolk des Neuen Bundes, die Kirche, ausübt, war von Anfang an die
Überzeugung der Christen. Der "Hirte des Hermas", einer der ältesten
Texte der christlichen Literatur, ist ganz von diesem Gedanken bestimmt.
Hermas, der in der Mitte des 2. Jahrhunderts lebte, sagt, er spreche
unter Einfluss des Engels der Buße und unter Einfluss Michaels: "Michael
ist derjenige, der Macht über die Kirche hat und sie regiert". Später
wurde der Erzengel offiziell mit dem Titel "Patron der Kirche" belegt,
um dessen Fürsprache in jeder Meßfeier (beim Confiteor) gebetet
wurde.
Die Wurzeln des Michaelsfests am 29. September - die
Erzengel Gabriel und Raphael hatten ursprünglich andere Gedenktage -
reichen bis ins Rom des 5. Jahrhunderts zurück. Papst Leo der Große war
452 bei Mantua, nur von einigen Priestern begleitet, dem Hunnenkönig
Attila entgegegetreten, um ihn vom Einfall in Rom abzuhalten. Das
Unglaubliche geschieht: Der grausame Khan läßt sich durch die Bitten des
Papsts und das angebotene Lösegeld zum Abzug bewegen. Unmittelbar vor
Antritt der gefährlichen Mission hatte Leo die Ewige Stadt feierlich dem
Michael geweiht. Und nach der glücklichen Heimkehr ließ er auf der Via
Salaria, am Ausgang Roms, eine Kirche zu Ehren des hl. Erzengels Michael
erbauen. Von dieser ersten Michaelskirche im Abendland steht heute
nichts mehr. Ihr Weihetag aber, der 29. September, wurde im Kalender zum
Festtag des Erzengels.
Der christliche Osten war dem Westen in der Verehrung
Michaels voraus. Schon 313, unmittelbar nach seinem Sieg an der
Milvischen Brücke im Zeichen des Kreuzes, hatte Kaiser Konstantin dem
Erzengel zu Ehren eine Kirche in Byzanz errichten lassen, das
"Michaelion". Dessen Weihetag, der 8. Juli, wird von den Orthodoxen bis
heute alljährlich mit großem Glanz begangen. Die byzantinischen
Herrscher schlossen sich dem Vorbild Konstantins an, Justinian allein
soll dem hl. Michael sechs Kirchen geweiht haben, in 15 Basiliken besaß
der Erzengel eigene Altäre. Der Taufname Michael ist deshalb in den
byzantinischen Kaiserfamilien und später in Rußland so häufig
anzutreffen.
150 Jahre nach der Rettung Roms vor den Hunnen sollte
das mittelitalienische Städtchen Siponto, im Herzen Apuliens am Monte
Gargano gelegen, zum eigentlichen Ausgangspunkt der Michaelsverehrung im
Abendland werden.
Dreimal erschien der Erzengel in den Jahren 490 bis 493
auf dem Gargano. Von der dritten und letzten Erscheinung wird Folgendes
berichtet:
In der Nacht des 29. Septembers 493 offenbarte sich
Michael dem Bischof von Siponto. Er forderte dazu auf, eine Höhle im
Gargano, die er schon in den Jahren zuvor als heiligen, ihm geweihten
Ort bezeichnet hatte, künftig als Kirche zu nutzen:
"Nicht du sollst
meine Höhle zum Heiligtum weihen, denn der sie kundgemacht, hat sie
schon geweiht. Ich, der Herr der Höhle, rufe euch nun in mein Heiligtum,
damit ihr dort furchtlos die heiligen Mysterien feiert. Denn ich habe
diese Höhle zu einer Basilika geweiht, auf dass in diesem Haus Gottes
die Sünden der Menschen vergeben und alle Schuld dort abgewaschen
werde".
Als in der Morgenfrühe Bischof und Volk zögernd die
Höhle betraten, fanden sie Zeichen der Weihe: Ein Fels im Innern, auf
dem der Engel ein Jahr zuvor den Abdruck seines >Fußes<
hinterlassen hatte, war mit einem pupurroten Tuch bedeckt, wie es in der
griechischen Kirche die Weihe eines Altars anzeigt.
Die Nachricht über die wunderbaren Ereignisse am
Gargano verbreitete sich in Windeseile. Papst Gelasius I. ließ über der
heiligen Grotte eine Basilika errichten, zu deren Schmuck der
byzantinische Kaiser Zenon Marmor aus Konstantinopel schickte. Bald
kamen Pilger aus nah und fern. Der Monte San Angelo wurde zu einem der
bekanntesten Wallfahrtsorte der Christenheit, zu dem während des ganzen
Mittelalters die Gläubigen pilgerten, darunter auch Päpste und
Kaiser, aber auch Heilige wie Bernhard von Clairvaux, Thomas von Aquin,
Birgitta von Schweden oder Franziskus. Übrigens hielt sich der Poverello
aus Assisi nicht für würdig genug, das Heiligtum zu betreten. Als er die
Mahnung am Türbogen vor der Höhle las: "Terribile es locus iste - hic
est porta Coeli" (schaudererregend ist dieser Ort - hier ist das Tor des
Himmels), zog er es vor, die ganze Nacht betend auf der Schwelle zu
verbringen.
Die Ereignisse am Gargano lösten eine Welle der
Michaelsverehrung in ganz Europa aus. Unzählige Kirchen, Kapellen und
heilige Orte (besonders Berge) wurden dem Erzengel geweiht. An
Berühmtheit dem Gargano gleichkommen und die Verehrung Michaels vollends
verbreiten sollten dabei besonders die Felseninsel Mont-Saint-Michel vor
der Küste der Normandie (709 n.Chr.) und die Engelsburg beim Vatikan in
Rom.
Die mächtige Bronzestatue eines das Schwert zückenden
Engels krönt das berühmte Bauwerk am Tiber. So sah Papst Gregor der
Große den Erzengel Michael, als er 590 eine Bittprozession zur
Beendigung der Pest in Rom anführte. Als sich die Prozession von Santa
Maria Maggiore zurückkehrend dem Tiber nähert, hört man vom
gegenüberliegenden Ufer Stimmen den Hymnus "Regina Caeli" singen. Das
Mausoleum des Kaisers Hadrian scheint plötzlich in Flammen zu stehen und
über der Turmspitze erscheint ein junger Mann in Kriegsrüstung, der sein
Schwert langsam in die Scheide steckt. Gregor hegt keine Zweifel über
die Identität der himmlischen Erscheinung: Es ist der hl. Michael, der
das Ende der Epidemie ankündigt. Gregor läßt zum Zeichen der Dankbarkeit
das römische Monument in "Engelsburg" umbenennen und im Innern eine
Nachbildung der unterirdischen Basilika vom Monte Gargano errichten.
Tief ist die Spur, die die Gestalt des gewappneten
Engels in die Geschichte des Abendlands einzeichnet. Beeindruckt vom
kämpferischen Charakter Michaels wählen ihn Deutsche wie Franzosen zu
ihrem Schirmherrn. Das Mittelalter gibt seinen Rittern den himmlischen
Krieger zum Vorbild, was seinen literarischen Niederschlag im berühmten
"Rolandslied" findet. Im Jahr 813 weiht Karl der Große am Ende des
Konzils von Mainz seine Staaten und seine Banner dem Erzengel Michael.
Von nun an trägt das Reichsbanner das Bildnis des Erzengels und die
Inschrift: "Ecce Michael, Princeps magnus, venit in adiutorium mihi"
(Das ist Michael, der große Fürst, er kommt mir zu Hilfe).
Da Engel rein geistige, das heißt nicht-materielle
Wesen sind, sind sie den Sinnesorganen unkenntlich. Es gehört eine
besondere Sehergabe dazu, um Engel wahrzunehmen. Einigen Heiligen war
das gegeben, darunter einer der erstaunlichsten Gestalten der Geschichte
, der Jungfrau von Orleans:
Frankreich befindet sich im "hundertjährigen Krieg" mit
England. Das Land blutet unter dem endlosen Krieg, der Fremdherrschaft,
dem Chaos auf den Straßen. Da betritt ein siebzehnjähriges Bauernmädchen
die politische Bühne, Jeanne d`Arc, die sich selbst "Jeanne la pucelle,
fille de Dieu" (Johanna, die Jungfrau, Tochter Gottes) nennt. Auf nicht
erklärbare Weise gelingt es diesem Mädchen, in die große Politik
einzugreifen: Sie führt die französischen Truppen zum Sieg über die
Engländer und den rechtmäßigen König zur Krönung. Dieses unglaubliche
Geschehen geht -nach Johannas eigenen Worten - auf den Erzengel Michael
zurück, den sie ganz schlicht "Moniseur Saint Michel" nennt. In mehreren
Begegnungen habe sie der große, gewappnete Engel, strahlend in einem
Lichtglanz blendender als die Sonne, auf ihre Sendung vorbereitet: Sie
solle gegen den großen Jammer Frankreichs kämpfen und den Willen G ottes
wiederherstellen. Von Jeanne d´Arc stammt eine bedenkenswerte Bemerkung
über die Engel: "Sie kommen oft zu den Christenmenschen, man sieht sie
nur nicht. Ich selber habe sie oft bei ihnen gesehen".
Was für die hl. Johanna noch eine Realität war, mit der
sie auf Tuchfühlung lebte, die unsichtbare Welt, entschwand mit der
Neuzeit mehr und mehr ins Wesenlose. Rationalismus und Materialismus,
die nur gelten lassen, was man zählen, messen und berechnen kann, wurden
zum beherrschenden Daseinsverständnis. Auch die Christenheit konnte sich
dem nicht entziehen. Damit aber wurde die Engelverehrung obsolet,
"unzeitgemäß". 19. und 20. Jahrhundert wußten zu den Engeln praktisch
nichts mehr zu sagen. Auch die Versuche der Päpste Pius IX. und Leo
XIII. die Engel und besonders den hl. Michael wieder mehr ins Zentrum zu
rücken, fruchteten wenig.
Nun hat ein neues Jahrhundert begonnen. Vielleicht ist
es wieder durchlässiger für die Welt der Engel. Vielleicht erinnert man
sich in Theologie und Kirche wieder der Schätze der christlichen
Weisheitstradition und überläßt die Engel nicht länger der Esoterik.
Vielleicht erkennt die Christenheit, dass gegen das Gespenst eines
größenwahnsinnigen Menschenzüchtertums und andere Dämonen nur ein
Exorzismus hilft: der Name des Erzengels "Wer ist wie Gott". Vielleicht
- und das wäre das Wichtigste - beginnen die Gläubigen wieder nach dem
Vorbild so vieler christlicher Generationen, sich im Gebet an Michael
und die anderen Himmelsboten zu wenden. Sind sie doch nach den Worten
des Hebräerbriefs (1,14) alle "ausgesandt, denen zu helfen, die das Heil
erben sollen".
Literaturhinweise:
Alfons Rosenberg, Michael und der Drache, Olten
1956.
Anne Bernet, Die Engel - unsere himmlischen Helfer,
Parvis-Verlag Hauteville 1998. (Die beste zur Zeit erhältliche
Darstellung der katholischen Engellehre.)