Lamm

Prof. Dr. Marius Reiser

DAS LEERE GRAB


- Vortrag -


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1. Eine merkwürdige Geschichte

            Es war am 15. Nisan, im 17. Regierungsjahr des Kaisers Tiberius (nach unserer Zeitrechnung am 7. April des Jahres 30), da ließ der Präfekt von Judäa, Pontius Pilatus, einen Delinquenten hinrichten. Der Delinquent hatte als Prophet gegolten, mächtig in Wort und Tat. Dieser Prophet, in den seine Anhänger größte Hoffnungen gesetzt hatten, beschloß seine irdische Laufbahn mit einem Fiasko, wie es gräßlicher nicht mehr denkbar war. Er wurde ohne nennenswerte Gegenwehr von der Tempelpolizei verhaftet. Die Verhaftung verlief reibungslos dank der Mithilfe eines Kollaborateurs, der dem engsten Vertrautenkreis des Verhafteten angehört hatte. Bei dieser Gelegenheit ergriffen seine übrigen Freunde, ohne die man ihn in der Öffentlichkeit nie zu sehen bekommen hatte, die Flucht und verschwanden so vollständig aus dem Geschehen, als seien sie nie daran beteiligt gewesen. Nur einer von ihnen schlich dem Verhaftungskommando nach, um zu sehen, wie die Sache weiterginge; aber als er erkannt wurde, leugnete er, "diesen Menschen", wie er sich ausdrückte, jemals gekannt zu haben. Wo sich diese famosen Freunde versteckten, wohin sie flohen, ist nicht bekannt.

            Der verhaftete Prophet wurde in einem summarischen Gerichtsverfahren - das anstehende Paschafest gebot Eile und man wollte die Sache schnell hinter sich bringen - noch in der Nacht vom Hohen Rat zum Tod verurteilt. Er hatte auf die Frage, ob er der Messias sei, mit Ja geantwortet. Das deutete man als Aufruf zur Revolution oder mindestens Widerstand gegen die Staatsgewalt. Am folgenden Morgen überstellte man ihn dem römischen Statthalter, der das Urteil bestätigen und vollstrecken mußte, da dem Hohen Rat die Kapitalgerichtsbarkeit entzogen war. Der Statthalter ließ sich überzeugen - er hatte seine Gründe - und verurteilte den Angeklagten dem Antrag der Kläger entsprechend zum Tod durch das Kreuz - bekanntlich nicht nur die schmählichste, sondern auch die qualvollste Hinrichtungsart, die die Römer kannten. Sie wurde vor allem bei Sklaven, Banditen und Rebellen angewandt; römische Bürger waren davon ausgenommen. Übrigens machte der Angeklagte keine Anstalten, um sich zu verteidigen oder zu rechtfertigen. Er schwieg wie ein Lamm, das zum Schlachten geführt wird, was den Statthalter ziemlich wunderte. Das Urteil wurde noch am selben Morgen vollstreckt, denn mit Sonnenuntergang begann der Sabbat, der nicht durch unbestattete Leichen entweiht werden durfte. So wurde der Prophet zusammen mit zwei Banditen um die dritte Stunde gekreuzigt und starb nur sechs Stunden später - für einen Gekreuzigten überraschend schnell. Übrigens schauten bei der Kreuzigung eine ganze Anzahl der Anhängerinnen des Propheten von ferne zu, während die Männer sich offenbar nicht zu zeigen wagten. Ein auffallend lauter Schrei des Delinquenten vor dem Eintritt des Todes, eine seltsame Äußerung des diensthabenden Centurio - er soll etwas von einem Gottessohn gesagt haben - und schließlich noch eine nicht ganz erklärbare zeitweilige Finsternis, wie von einigen Zeugen behauptet wird, - im übrigen aber eine ganz normale Hinrichtung.

            In Jerusalem lebte damals ein römischer Ritter namens Clemens. Er stand schon lange im Dienst der Statthalter und galt als Experte in jüdischen Sitten und Gebräuchen, die einem Römer immer ein Buch mit sieben Siegeln blieben. Vor allem bei Prozessen waren seine Kenntnisse gefragt. Er unterhielt im übrigen gute Beziehungen zur jüdischen Aristokratie und lud zum Symposium am Sabbat auch gern Mitglieder des Hohen Rats zu Gast. So war auch am Sabbat nach jenem 15. Nisan wieder eine Tischrunde beisammen. Nach guter alter Sitte, jüdischer wie römischer, waren es natürlich nur Männer, und das Gespräch, das griechisch geführt wurde, kam auf den hingerichteten Propheten. Jeder konnte eine Anekdote oder Geschichte zum Besten geben, auch wenn vieles davon nur Klatsch und Gerücht war. Besonders bei den Wundergeschichten wollte der Stoff nicht ausgehen; eine Geschichte gab die andere. Einer wußte von der Heilung eines Blinden namens Bartimäus von Jericho; der nächste behauptete, eine Frau sei durch die bloße Berührung seines Gewandes von ihren unaufhörlichen Blutungen geheilt worden, und zwar auf der Stelle.

            "Ja", schrie einer dazwischen, "und am gleichen Tag holte er eine junge Frau ins Leben zurück, als die Totenklage schon in vollem Gang war!"

            "War das die von letzter Woche, die gleich ein ganzes Flacon Narden-Parfüm für ihn verbrauchte, wo's dann den Streit gab wegen Verschwendung?"

            "Nein", sagt ein Pharisäer und angehender Schriftgelehrter, "das war doch das Freudenmädchen, die peinliche Szene bei meinem Parteifreund Simon."

            "Hat sie nicht Maria von Magdala geheißen?"

            "Ich weiß nicht, solche Namen merke ich mir nicht."

            "Jedenfalls", bemerkt einer, der eine griechische Schule besucht hat, "mit den Frauen scheint er's ja gekonnt zu haben!"

            "Von der eben erwähnten Maria von Magdala soll er sieben Dämonen ausgetrieben haben!"

            "So, da hat einer genau gezählt!"

            "Ach", ruft ein anderer, "das ist noch gar nichts. Bei Gadara hat ein Exorzismus die Stadt 2000 Schweine gekostet!"

            "Was? 2000?"

            "Ja, ersoffen im See."

            "Genau, und das war gleich nach der Überfahrt, bei der er den Sturm zum Erliegen gebracht haben soll, schneller als die Dioskuren", bestätigt der Hausherr. "Er stellt unsere Götter in den Schatten, wenn es stimmt, daß er in Kana bei einer Hochzeit sechs Steinkrüge voll Wasser in Wein verwandelt hat, der Krug à zwei bis drei Metreten."

            "600 Liter!"

            "So etwa. Da würde Dionysos vor Neid erblassen."

            "Und so einen tüchtigen Magier hat Pilatus hinrichten lassen?" fragt ein Jude aus der Zyrenaika ungläubig.

            Der angehende Schriftgelehrte, dem die Sache mit den Wundern offensichtlich unbehaglich ist, versucht, das Gespräch in eine andere Richtung zu lenken. "Man erzählt viel; aber Nazaret ist nicht Tischbe und Jesus ist nicht Elija oder Elischa. Mir scheint er bemerkenswerter gewesen zu sein als Lehrer von Lebensweisheit. 'Neuer Wein in neue Schläuche'. 'Seid klug wie die Schlangen und arglos wie Tauben.' 'Gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört!' Und ihr kennt ja die, zugegeben, etwas überspitzten Sprüche vom Splitter und vom Balken, vom Kamel und vom Nadelöhr..."

            "...und von der ausgeseihten Mücke und dem verschluckten Kamel, und von den blinden Wegführern und den übertünchten Gräbern, die, glaube ich, in einer schönen Weisheitsrede über Pharisäer und Schriftgelehrte vorkamen", stichelt der Griechenfreund.

            "Ja", sagt ein Ratsmitglied darauf, "er konnte ziemlich despektierlich sein und seine Weisheit war ganz schön subversiv und gesellschaftsschädigend. Irgendwie hatte er etwas gegen die Reichen, während er die Armen glücklich pries. 'Niemand kann zwei Herren dienen' - das ist leicht gesagt. Seine Frau soll man nicht entlassen dürfen, obwohl es die Tora ausdrücklich erlaubt. Den Feind soll man lieben, den Feind!, und jedem Geld leihen, der will. Das ist doch lächerlich. Mit den Reinheitsgesetzen hat er es nicht besonders genau genommen und mit den Sabbat-Geboten auch nicht. Und wenn ich bloß an die unmöglichen Geschichten von dem verlorenen Sohn oder dem Samaritaner denke, oder die von dem Gastmahl, wo sie auf einmal nicht kommen wollen - es ist ja klar, wen er meinte! -, die sind doch eigentlich unverschämt."

            "Aber interessant!", ruft einer dazwischen.

            "Jedenfalls", fährt der angehende Schriftgelehrte fort, "seine Aktion im Tempel hat sogar den neuen Schlauch zum Platzen gebracht. 'Räuberhöhle' nennt er den Tempel und niederreißen will er ihn - da hört doch alles auf!"

            "Er war eben anmaßend und hatte ein ziemlich übersteigertes Selbstbewußtsein, dieser Messias der Sanftmütigen. Als ob sich alles um ihn drehen müßte!"

            "Richtig", bestätigt der Ratsherr, "aber der Pöbel läuft jedem Demagogen nach, der die Massen gut unterhält und kräftig auf die Regierung schimpft. Und wenn er schöne Geschichten erzählt und ein paar Kunststückchen zeigt, wird er gleich zum Idol."

            "Handeln die Geschichten nicht von der Königsherrschaft Gottes? Das klingt doch recht fromm", wirft ein römischer Freund des Hausherrn ein.

            "Schon", antwortet der Ratsherr, "aber sein Reich Gottes ist eine ganz und gar nebulöse Angelegenheit. Er wollte eben doch selber König darin sein. Aber sein Ministerrat aus zwölf Fischern ist nicht gerade überzeugend, so wenig wie seine 'neue Familie' aus dahergelaufenem Volk, das ihn bloß anhimmelt. Außerdem hatte er so einen Tick mit dem Jüngsten Tag."

            Und schon fängt einer zu deklamieren an: "'Und wie es war in den Tagen Noachs, so wird es sein in den Tagen des Menschensohns: Sie aßen und tranken...'"

            "Prosit!" ruft es als Antwort, und alle heben den Becher.

            "Wovon lebte der Sprücheklopfer eigentlich?" will jetzt einer wissen.

            "Er war von Haus aus gelernter Bauhandwerker und Zimmermann, scheint den Beruf aber nicht mehr ausgeübt zu haben, seit er auf Wanderschaft ging", antwortet der Hausherr. "Offenbar hatte er jedoch einige reiche Gönnerinnen, eine davon kennt ihr ja alle, Johanna, die Frau des Chuza."

            "Was, die Frau des Verwalters von Herodes Antipas?" fragt einer, dem das doch neu ist.

            "Sie war schon immer ein bißchen exzentrisch!", bemerkt ein anderer.

            "Ich habs doch gleich gesagt, er war ein Frauenheld!" ruft der Graeculus triumphierend.

            "Ja", sagt der Hausherr, "man hat sie sogar während der Kreuzigung in der Nähe von Golgotha beobachtet. Auf jeden Fall aber, jetzt ist alles vorbei. Es wird keine neuen Wunder geben und keine neuen Reden ans Volk. Seine Anhänger sind bereits wie vom Erdboden verschluckt, und die Frauen werden ihm doch auch nicht ewig nachtrauern wollen!"

            Eine Woche darauf fanden sich die Gäste des Clemens wieder wie gewohnt in seinem schönen Triklinium ein. Das Gespräch kam schnell wieder auf den Propheten.

            "Mit deiner Prognose von letzter Woche, verehrter Clemens, hast du dich offensichtlich geirrt", stellt der zugezogene Zyrenäer herausfordernd fest.

            Und der Hausherr, auffällig gut informiert, gibt zu: Ja, es seien schon merkwürdige und teilweise geradezu unerklärliche Dinge im Gang; die Ereignisse überstürzten sich und niemand wisse so recht, was eigentlich los sei. Man fordert ihn auf zu erzählen, und er beginnt: "Zunächst: Die Männer sind wieder da!"

            "Was für Männer?"

            "Die feigen Anhänger, die seit der Verhaftung ihres Propheten spurlos von der Bildfläche verschwunden waren. Sie trauen sich auf einmal wieder, treten überall öffentlich auf und behaupten: 'Der Prophet lebt!'"

            "Was heißt: Er lebt? Er ist doch ordnungsgemäß gekreuzigt und sogar ordentlich bestattet worden!"

            "Nun ja, sie behaupten, er sei 'aufgestanden', und immer wenn sie seinen Namen erwähnen, fügen sie hinzu: 'den Gott von den Toten aufgeweckt hat' oder sowas ähnliches."

            Darauf antwortet der, der eine griechische Schule besucht hat: "Ein Toter steht nicht wieder auf!" Und zitiert auch gleich einen Vers des Aischylos: "Ist ein Mann einmal tot und hat der Staub sein Blut geschlürft, dann gibts kein Aufstehn mehr."[1]

            Und der Pharisäer und angehende Schriftgelehrte ergänzt: "'Ein ans Holz Gehenkter ist von Gott verflucht'!"

            Ein anderer Tischgenosse fragt ganz naiv, warum der Prophet nicht selber auftrete, wenn er doch wieder lebe.

            Darauf erklärt der Hausherr: "Offensichtlich ist mit 'wieder leben' und 'aufgestanden sein' nicht eine Rückkehr in dieses irdische Leben gemeint. Sie sprechen auch davon, daß Gott ihn 'erhöht' hat."

            Darauf erklärt der angehende Schriftgelehrte: "So etwas kann es doch erst am Jüngsten Tag geben, wenn die Toten aus dem Staub aufstehen, um gerichtet zu werden und ihren Lohn zu empfangen. Aber dann erwachen alle miteinander zum Leben. Wo steht geschrieben, daß ein einzelner Mensch vor dem Tag des Gerichts wieder zum Leben erwachen werde?"

            "Nun gut," mischt sich da ein anderer ein, "lassen wir die theologischen Probleme einmal ganz beiseite. Die entscheidende Frage ist doch: Wie kommen diese Angsthasen dazu, auf einmal öffentlich aufzutreten, sich zu diesem Propheten zu bekennen und zu behaupten: 'Er ist aufgestanden und lebt' - gleich, wie sie das nun meinen."

            "Bitte", sagt der Schriftgelehrte, "es heißt 'auferstanden', nicht 'aufgestanden'." "Also gut, aber gestern hat dieser Felsenmann noch gesagt: 'Ich kenne diesen Menschen nicht!' und heute sagt er: 'Gott hat ihn von den Toten aufgeweckt!'"

            "Auferweckt!"

            "Jetzt laß mich doch mit deinen Spitzfindigkeiten in Ruh! Jedenfalls ist hier ein Gesinnungswandel vor sich gegangen, und zwar ein ziemlich radikaler und ziemlich plötzlicher. Das kommt doch nicht von ungefähr!"

            "Nein", sagt der Hausherr, "von nichts kommt bekanntlich nichts. Wenn man aber die Leute fragt, wie sie auf einmal zu ihrer Behauptung kommen, dann erhält man merkwürdige Antworten, und jeder erzählt eine andere Geschichte. Meistens sind es Geschichten von Erscheinungen."

            "Epiphanie-Geschichten", wirft der griechisch Gebildete ein, um sein Wissen zu zeigen.

            "Genau. Da gibt es zum Beispiel die Geschichte von zwei Anhängern dieses Propheten - übrigens Leute, die früher nie besonders aufgefallen sind, sie gehörten auch nicht zu den sogenannten 'Zwölf' -, die wollten also nach Emmaus. Das war am ersten Wochentag. Unterwegs schließt sich ihnen ein Fremder an, mit dem sie sich gut unterhalten. Abends haben sie noch zusammen gegessen, und wie er das Brot bricht, kommt es ihnen auf einmal so vor, als sei der Fremde ihr verstorbener Prophet. Und im selben Augenblick löst sich der Fremde in Luft auf. Obwohl es so spät war, kehren die beiden daraufhin sofort nach Jerusalem zurück, finden am gewohnten Ort die Zwölf versammelt - das heißt, jetzt waren's ja nur noch elf - und weitere Anhänger, und bevor sie ihre Geschichte loswerden können, schallt es ihnen entgegen: 'Der Herr ist auferstanden und dem Simon erschienen!' Übrigens reden sie von dem Propheten jetzt nur noch als von ihrem 'Herrn'."

            "Eine sklavische Angewohnheit", bemerkt der Graeculus.

            "Und wie geht die Geschichte mit Simon?"

            "Das," antwortet der Hausherr, "konnte ich nicht herausfinden. Ausgerechnet über diese Erscheinung, auf die sie alle den größten Wert legen - was man ja auch verstehen kann -, konnte mir keiner eine nähere Auskunft geben. Aber die Geschichte geht noch weiter. Denn die zwei von Emmaus sind noch nicht mit Erzählen fertig, da steht auf einmal der Prophet mitten unter ihnen, wie vom Himmel gefallen, und ..."

            "Moment: 'Wie vom Himmel gefallen' - gut. Aber das könnte ja ein Engel oder sowas gewesen sein. Woran erkannten sie ihn denn?"

            "Angeblich zeigte er ihnen seine Kreuzigungswunden an Händen und Füßen und aß ein Stück gebratenen Fisch."

            "Und dann löste er sich wieder in Luft auf - samt dem verspeisten Fisch?"

            "Offensichtlich. Das heißt, manche erzählen, er habe dann noch eine längere Rede gehalten, habe sie anschließend nach Bethanien hinausgeführt und sei dort auf einmal Richtung Himmel verschwunden."

            "Das muß ja schon mitten in der Nacht gewesen sein!", bemerkt einer, der es immer genau nimmt.

            "Nun ja, ich hab ja gesagt, es sind kuriose Geschichten. Und das ist erst der Anfang."

            "Warum? Ist er noch öfter erschienen?"

            "Ja," sagt der Hausherr, "er soll auch dem Jakobus erschienen sein, seinem Bruder, der bisher von seinem Prophetentum nichts wissen wollte. Aber darüber ist so wenig Näheres zu erfahren wie im Fall der Erscheinung, die Simon erlebt haben soll. Aber auf einem Berg in Galiläa soll er den Zwölfen, also den Elfen, erschienen sein, und am See Genesareth..."

            "Moment! Bisher waren wir doch hier in Jerusalem. Erscheint er auch in Galiläa?"

            "Offenbar. Ich habe gehört, er soll Simon und einigen anderen am See Genesareth erschienen sein und ihnen zu einem guten Fischfang verholfen haben." "Und wie kommen Simon und die anderen nach Galiläa?" fragt der, der es immer genau nimmt. "Ich dachte, sie seien hier in Jerusalem. Als die zwei von Emmaus kamen, waren sie doch alle miteinander in Jerusalem. Und das war, wohlgemerkt, am Abend des ersten Wochentags. Wann soll Simon denn dann nach Galiläa gegangen sein?"

            "Das ist mir auch rätselhaft. Aber das ist noch lange nicht alles. Einige Frauen ..."

            "Ja richtig, die Frauen, die hatten wir ja ganz vergessen!" Und wie immer, wenn das Gespräch auf Frauen kommt, wird es lebhaft am Tisch.

            "Einige Frauen sollen am Morgen des ersten Wochentags zum Grab gegangen sein und es leer gefunden haben."

            "Leer?" ruft der Graeculus ungläubig.

            "Natürlich muß es leer gewesen sein", meint der angehende Schriftgelehrte, "wie könnte man sonst behaupten, er sei auferstanden?"

            "Weibergeschwätz!" bemerkt ein anderer trocken, der sich bisher gar nicht am Gespräch beteiligt hatte.

            "Was für Frauen sollen es denn gewesen sein? War die Frau des Chuza dabei?" fragt der nächste.

            "Nicht einmal darüber sind sich meine Gewährsleute einig," antwortet der Hausherr. "Manche behaupten, es seien drei Frauen gewesen, manche es seien zwei gewesen, und einer behauptet gar, die Maria von Magdala habe das leere Grab ganz allein entdeckt. Daß sie dabei war, darüber sind sich allerdings alle einig. Manche sprechen noch von Salome und einer anderen Maria, einer behauptet tatsächlich, auch Johanna, die Frau des Chuza, sei mit von der Partie gewesen. Und das ist ja nun bestimmt kein gewöhnliches Weib ...".

            "Und das Grab war einfach leer? Die Leiche könnte ja immerhin von den Anhängern beiseite geschafft worden sein."

            "Möglich. Es geht zwar auch die Geschichte um, Pilatus habe das Grab durch Soldaten sichern lassen, aber das ist natürlich eine Legende. Übrigens war das Grab nicht einfach leer."

            "Was heißt 'nicht einfach leer'?"

            "Im Grab soll ein Engel gewesen sein."

            "Ach, ein Engel! Wundert mich gar nicht. Und was sagte der Engel?"

            "Der Engel sagte das, was sie jetzt überall ausposaunen: 'Er ist nicht hier, er ist auferstanden!' Allerdings gibt es auch eine ganz andere Version der Geschichte. Die habe ich von dem, der behauptet, Maria von Magdala habe das leere Grab ganz allein entdeckt und nicht dem Petrus sei der Herr zuerst erschienen, sondern eben der Magdalenerin. Nach dieser Version kam sie zum Grab, sah, daß der Stein weggewälzt war, dachte sofort an Leichenräuber und alarmierte Petrus. Der lief sofort hin. Er fand das Grab leer, aber gut aufgeräumt; das schließt Leichenräuber eigentlich aus. Das Schweißtuch sei sogar sorgfältig zusammengelegt gewesen..."

            "Die Leichentücher waren also noch da?"

            "Ja, die waren noch da."

            "Und Petrus? Wie hat er reagiert?"

            "Der habe sich gewundert, sagte mein Gewährsmann."

            "So, so, gewundert. Wundert mich gar nicht. Und die Magdalenerin? Wie war das mit der angeblichen Ersterscheinung? Oder ist darüber auch nichts Näheres herauszufinden wie bei Petrus?"

            "Doch, das ist eine Geschichte so ähnlich wie die von den beiden Emmauswanderern. Nachdem Petrus wieder weg war, habe die Magdalenerin, so erzählt man, auf einmal einen Mann erblickt, den hielt sie zunächst für den Gärtner. Der sprach sie an und fragte, warum sie weine. Da habe sie ihn angefleht, er möchte ihr doch sagen, wohin er die Leiche gebracht habe; sie wolle sie holen."

            "Am dritten Tag noch?", wirft der ein, der es immer genau nimmt.

            Aber der Erzähler fährt fort: "Darauf redete der Mann sie mit ihrem Namen an und in diesem Augenblick erkannte sie, wen sie vor sich hatte. Sie faßte nach seinem Gewand ..."

            "Moment! Was ist das für eine Erscheinung, die man am Gewand fassen kann?"

            "Die Erscheinung kann ja auch essen und sich anschließend in Luft auflösen", antwortet ein anderer spöttisch.

            Dann fährt der Hausherr fort: "Aber der Mann sagte, sie solle ihn nicht festhalten und den andern mitteilen, daß er hinaufgehe zu seinem Vater. Und das habe sie gleich erledigt. Mein Gewährsmann für diese Geschichte erzählt übrigens auch von der Erscheinung am Abend des ersten Wochentags, aber ohne das Fischessen; stattdessen behauptet er, die Erscheinung habe die Versammelten angehaucht und ihnen so den heiligen Geist verliehen."

            "Du scheinst dich für diese Geschichten ja mächtig zu interessieren," sagt jetzt einer aus der Runde, "was hältst du denn davon?"

            "Ich weiß nicht, was ich davon halten soll," antwortet der Hausherr zurückhaltend. "Einiges ist unklar, einiges in diesen Geschichten ist widersprüchlich. Aber eines scheint mir sicher: Es sind merkwürdige Dinge im Gang!"

            In der Tat: Es waren merkwürdige Dinge im Gang. Zur gleichen Zeit nämlich saßen in einem anderen Stadtteil Jerusalems einige Anhänger des angeblich Auferstandenen hinter verschlossenen Türen zusammen, unter ihnen auch ein gewisser Thomas, genannt Didymos... Der Tischrunde des Clemens sollte der interessante Gesprächsstoff nicht zu schnell ausgehen.

 

 

2. Die Frauen am Grab

 

            Mit meiner Geschichte von der fiktiven Tischrunde in Jerusalem zur Zeit der Ereignisse, um die es uns geht, habe ich versucht, einen kleinen Eindruck von der Vielfalt der Osterüberlieferungen zu vermitteln, die uns das Neue Testament aufbewahrt hat, und auch einen Eindruck von den Schwierigkeiten und Fragen, die sich bei einer unbefangenen Lektüre dieser Überlieferungen geradezu aufdrängen müssen. Wir können nicht alle behandeln, und so beschränke ich mich auf die Überlieferung von den Frauen am Grab. Auf diese konzentriert sich auch eine jüngst wieder neu aufgeflammte Diskussion. In dieser kann man die unterschiedlichsten Urteile über die historische Zuverlässigkeit der Ostererzählungen hören, auch von Seiten der Fachleute. Das neueste Heft von "Bibel und Kirche" z.B. enthält einen Beitrag von Karheinz Müller, in dem dieser kategorisch erklärt, es sei "kein wissenschaftlich vernünftiger Zweifel daran möglich, daß sie [die Ostererzählungen] ohne Ausnahme sekundäre Bildungen späterer urchristlicher Gemeinden sind"; diese wollten "keinerlei historische Ansprüche erheben".[2] Diese Einschätzung teile ich nicht; mir scheint im Gegenteil, daß der "wissenschaftlich vernünftige Zweifel" an dieser Behauptung nicht nur möglich ist, sondern gefordert. Die historische Wahrscheinlichkeit spricht m.E. durchaus für die Annahme, daß die Ostererzählungen nicht einfach nur fiktive Geschichten zur Veranschaulichung von Glaubenssätzen sind, sondern auf historischen Begebenheiten basieren. Selbst Gerd Theißen und Annette Merz, die man wahrhaftig nicht als konservative Fundamentalisten verdächtigen kann, tendieren zu diesem Urteil.[3] Dieses Urteil wird bestätigt durch den Althistoriker Hermann Strasburger, der darauf hingewiesen hat, daß "gerade die Fülle von historischer "Unstimmigkeit" in den Evangelien für "zwar wild, aber echt gewachsene mündliche Kunde" spreche und damit für eine gewisse Glaubwürdigkeit.[4] Dies zeigt sich nirgends deutlicher als in den Osterüberlieferungen.

            Nach diesen Vorbemerkungen wollen wir uns der ältesten Version der Geschichten von den Frauen am Grab zuwenden, wie sie bei Markus steht (Mk 16,1-8 nach der Einheitsübersetzung):

 

            Als der Sabbat vorüber war, kauften Maria aus Magdala, Maria, die Mutter des Jakobus, und Salome wohlriechende Öle, um damit zum Grab zu gehen und Jesus zu salben. Am ersten Tag der Woche kamen sie in aller Frühe zum Grab, als eben die Sonne aufging.

            Sie sagten zueinander: "Wer könnte uns den Stein vom Eingang des Grabes wegwälzen?" Doch als sie hinblickten, sahen sie, daß der Stein schon weggewälzt war; er war sehr groß. Sie gingen in das Grab hinein und sahen auf der rechten Seite einen jungen Mann sitzen, der mit einem weißen Gewand bekleidet war; da erschraken sie sehr. Er aber sagte zu ihnen: "Erschreckt nicht! Ihr sucht Jesus von Nazaret, den Gekreuzigten. Er ist auferstanden; er ist nicht hier. Seht, da ist die Stelle, wo man ihn hingelegt hatte. Nun aber geht und sagt seinen Jüngern, vor allem Petrus: Er geht euch voraus nach Galiläa; dort werdet ihr ihn sehen, wie er es euch gesagt hat." Da verließen sie das Grab und flohen; denn Schrecken und Entsetzen hatte sie gepackt. Und sie sagten niemand etwas davon; denn sie fürchteten sich.

 

            Wir wollen diese Geschichte zunächst einfach so betrachten und zu verstehen suchen, wie sie dasteht, und dann die historische Frage nach der Wahrscheinlichkeit des Erzählten stellen. Die Frauen, die am Morgen des ersten Wochentags zum Grab gehen, waren nach Mk 15,40 unter den Frauen, die von fern bei der Kreuzigung zusahen. Maria von Magdala hatte zusammen mit einer weiteren Maria auch aufgepaßt, wo man Jesus beisetzte (Mk 15,47). Die Erzählung setzt voraus, daß man bei dieser Beisetzung die übliche Salbung unterlassen hatte und daß die Frauen dies jetzt, nach Ablauf des Sabbat, nachholen wollen. Die arómata, von denen im Text die Rede ist, sind stark duftende Salben, die man auf Kräuterbasis herstellte im Unterschied zum myron, das auf Ölbasis hergestellt war. Darum ist die Übersetzung mit "wohlriechende Öle" (Einheitsübersetzung) falsch, richtig dagegen "Duftkräuter" (F. Stier). Früher hieß es "Spezereien". Sie dienten dazu, den Leichengeruch zu überdecken.

            Nun wird in allen modernen Untersuchungen zu dieser Perikope betont, wie unrealistisch dieser Zug der Erzählung sei. Rudolf Pesch schreibt: "Bei der raschen Verwesung von Leichen im Orient, wäre eine Totensalbung anderthalb Tage nach der Bestattung - ein Vorgang ohne Parallele - heikel; auch wenn man mit besserer Konservierung einer Leiche in einem kühlen Felsengrab im Frühjahr rechnen darf, bleibt das den Frauen zugeschriebene Ansinnen analogielos."[5] Darum habe Matthäus diesen Zug gestrichen. Er habe bei Markus nur den erzählerischen Zweck, den Gang der Frauen ins Grab hinein zu motivieren. Marie-Joseph Lagrange, der viele Jahre im Heiligen Land gelebt hat, erklärt schlicht: "On fait ce qu'on peut."[6] "Man tut, was man kann." Auch mir will dieser Zug so absurd nicht scheinen. Denken wir doch nur an die Auferweckung des Lazarus in Joh 11. Dort verlangt Jesus, man solle den Stein vom Grab des Lazarus weg­nehmen. Da sagt Martha ihren berühmten Spruch: "Herr, er riecht schon, denn es ist bereits der vierte Tag" (wörtlich: "Er ist ja schon ein Viertägiger!") (Joh 11,39). Aber auf Jesu Verlangen hin öffnet man das Grab doch. Und bei Lazarus ist es nicht der dritte, sondern schon der vierte Tag!

            Aber die Gelehrten haben noch einen zweiten unwahrscheinlichen Zug in der Geschichte gefunden: daß die Frauen sich erst auf dem Weg überlegen, wer ihnen den Stein vom Grab wälzen soll. Auch diesen Zug deutet man als erzählerischen Kunstgriff zur Spannungssteigerung. Das mag ja sein; aber die Frauen konnten z.B. auf einen Bauern hoffen, der frühmorgens an seine Arbeit ging. Im übrigen sehe ich in diesem Zug gar nichts Unwahrscheinliches; im Gegenteil, er scheint mir äußert realistisch. Eine solche Gedankenlosigkeit können wir tagtäglich an uns selbst und an unseren Mitmenschen beobachten. Ein Kollege hat in diesem Zusammenhang an den vergessenen Reisepaß auf dem Flughafen erinnert.[7]

            Als sie beim Grab ankommen, ist der Stein schon beiseite gerollt, und die Frauen gehen ohne Umstände ins Grab hinein. Das Erschrecken kommt erst, als sie den Engel sehen. Denn daß es ein Engel ist, das macht der Erzähler durch das Motiv des weißen Gewandes deutlich. Weiße Kleider kennzeichnen himmlische Wesen. So tragen die Engel in Apg 1,10 und die 24 Ältesten in Offb 4,4 weiße Kleider, und in Mk 9,3 wird die Verwandlung Jesu in eine himmlische Gestalt durch das Motiv des Weißwerdens seiner Kleider angezeigt. Die rechte Seite, auf der der Engel sitzt, ist natürlich die glückverheißende Seite.

            Wenn Menschen himmlischen Wesen begegnen, erschrecken sie zunächst, so auch hier. Dabei wird hier mit dem starken Wort ekthambeisthai nicht ein alltäglicher Schrecken ausgedrückt, sondern ein Schrecken, der einem "in die Glieder fährt", wie wir sagen, ein tiefer Schauder. Der Engel will die Frauen beruhigen, und mit seiner Botschaft erreicht die Erzählung ihren Höhepunkt. Diese Botschaft ist mit einer kaum zu überbietenden Sachlichkeit formuliert; der Engel spricht wie ein Geschäftsmann oder ein Hotelportier, der es gewohnt ist, sich auf die nüchterne Schilderung der Sachlage und die Aufzählung der Fakten zu beschränken. Dabei zeigt das "schau!" (nicht: "seht!", wie die Einheitsübersetzung glättend schreibt), daß der Engel die schlichte Umgangssprache benützt: "Ihr sucht Jesus, den Nazarener, den Gekreuzigten? Er ist auferstanden, er ist nicht hier. Da, schau, der Platz, wo man ihn hingelegt hatte." Mit dem sachlichen Ton der Mitteilung kontrastiert die Ungeheuerlichkeit des Mitgeteilten. Dies gilt natürlich nur auf der Ebene der Erzählung. In der Sache sagt der Engel ja nichts anderes als das, was die urchristliche Verkündigung sagte: "Er ist auferstanden!" Die ganze Geschichte dient der narrativen Veranschaulichung und Bekräftigung dieser Aussage, des fundamentalen Glaubensatzes der Christenheit bis heute. Allein um dieser Aussage willen ist sie erzählt worden. Darum ist es eigentlich nicht ganz richtig, wenn man diese Perikope "die Erzählung vom leeren Grab" nennt. Denn erstens war das Grab ja gar nicht leer; ein Engel war drin. Und zweitens geht es in der Geschichte nicht primär um die verschwundene Leiche, sondern um die Botschaft: Er ist auferstanden! Und die Wahrheit dieses Satzes wird durch die Autorität dessen unterstrichen, der ihn verkündet: Wird denn ein Engel lügen? Nur weil die Menschen so langsam im Begreifen sind (Lk 24,25!) und immer alles sehen wollen ("Ich glaube nur, was ich sehe!"), weist der Engel noch auf die leere Grabbank hin. Es ist also nicht so, daß die Frauen aus dem leeren Grab auf die Auferstehung schließen, sondern so, daß der Hinweis auf die leere Grabbank nur den Satz von der Auferstehung bestätigen und veranschaulichen soll. Wer einem Engel nicht glauben will, dem zeigt man zusätzlich noch ein leeres Grab.

            Merkwürdig ist der Schluß der markinischen Geschichte: Die Botschaft des Engels erfüllt die Frauen nicht mit Freude, wie man zunächst erwarten würde. Im Gegenteil, sie stürzen voll Entsetzen aus dem Grab und fliehen. Sie denken nicht daran, den Auftrag des Engels auszuführen. "Sie sagten niemand nichts, voll Furcht, wie sie waren". Mit diesem seltsamen Schluß endete ursprünglich das ganze Evangelium; der Rest ist eine Ergänzung, die erst etwa 100 Jahre später hinzugefügt wurde (der sogenannte "kanonische Markusschluß").

            Was wollte der Evangelist mit diesem merkwürdigen Schluß sagen? Denn selbst wenn die Frauen geschwiegen haben - die Sache ist ja bekannt geworden, wie die Erzählung des Evangelisten selbst beweist. Vielleicht ist das auch schon alles, was der Evangelist damit sagen wollte: Die Sache konnte nicht verborgen bleiben, auch wenn Menschen sie totschweigen wollten. Oder wollte Markus die Frauen einfach gegen den Vorwurf der Sensationsgier schützen und damit der Sache mehr Glaubwürdigkeit verleihen? Es ist eben kein Weibergeschwätz, wie die Jünger zunächst glaubten (Lk 24,11). Die Frauen waren ja entschlossen, den Mund zu halten - ausgerechnet da, wo sie einmal reden sollten! Was immer der Sinn dieses Schlusses sein sollte, eins hat Markus damit jedenfalls erreicht: Der Leser muß nachdenken, es läßt ihn nicht in Ruhe. Und diese Geschichte soll uns ja auch nicht in Ruhe lassen. Der Leser soll sich am Schluß nicht beruhigt in den Sessel zurücklehnen: Ende gut, alles gut! Er soll unruhig werden und nachdenken: Was bedeutet das alles - für mich?

 

 

3. Die historische Frage

 

            Unsere Betrachtung der Geschichte, wie sie dasteht, hat deutlich gezeigt: In der Engelserscheinung gipfelt die ganze Geschichte, nur um ihretwillen ist sie überhaupt erzählt. Aus diesem Sachverhalt ergibt sich: In den Augen des Evangelisten hat das leere Grab für sich gesehen keine Bedeutung; bedeutsam wird es nur in Verbindung mit dem Glauben an die Auferstehung. Das leere Grab kann die Auferstehung nicht beweisen (zumal es genug andere Möglichkeiten gibt, sich ein leeres Grab zu erklären); es setzt, richtig verstanden, den Glauben an die Auferstehung vielmehr voraus. Aber es bleibt immer noch die Frage: War das Grab nun tatsächlich leer oder ist die ganze Geschichte eine Legende zur Veranschaulichung des Satzes: "Er ist auferstanden"?[8]

            Gegen die Historizität des leeren Grabes werden im wesentlichen zwei Gründe angeführt:

            1. Man sagt, Paulus erwähne das leere Grab nicht. Nun, Paulus erwähnt noch viel nicht. Das ist ein argumentum e silentio, und ein sehr schwaches dazu. Der Befund spricht m.E. eher für das Gegenteil. In dem berühmten Zeugnis in 1 Kor 15,4 betont Paulus das Begrabenwerden Jesu vielleicht nur deswegen so sehr, weil er an das leere Grab erinnern will.

            2. Die schon behandelten unwahrscheinlichen Züge in der Erzählung (Salbungsabsicht; "Wer wird uns den Stein wegwälzen?"). Wie wir gesehen haben, sind diese gar nicht so unwahrscheinlich.

            Für die Historizität des leeren Grabes führt man gewöhnlich folgende Gründe an:

            1. Auch die Gegner der Christen haben nie bestritten, daß das Grab leer war; sie haben diese Tatsache nur anders erklärt. So hat man z.B. behauptet, die Jünger hätten die Leiche heimlich aus dem Grab entfernt. Das läßt sich aus Mt 27,62-66 entnehmen: Nach dieser Darstellung erbitten sich die Pharisäer von Pilatus eine Grabwache, damit seine Jünger nicht hingehen, den Leichnam stehlen und dann behaupten, er sei von den Toten auferstanden (27,64). Die ganze Geschichte von den Grabwächtern ist offenbar eine apologetische Legende, die diesen jüdischen Vorwurf entkräften soll; hier wird eine Legende mit einer Legende bekämpft. Freilich ist es eine eindrucksvolle Legende, die in der christlichen Tradition noch eine weitere Funktion erhalten hat: Sie soll den Sieg Christi über alle irdischen Widersacher symbolisieren. Dafür war sie glänzend geeignet. Man denke nur an die vielen mittelalterlichen Darstellungen, in denen Christus, die Siegesfahne in der Hand, seinen Fuß auf den Grabrand setzt, während die Soldaten zur Seite purzeln! Es geschieht nicht oft, daß ein nackter Toter eine Schar bewaffneter Soldaten außer Gefecht setzt.

            Eine weitere polemische Behauptung, die das leere Grab nur anders erklären will, überliefert Tertullian in seiner Schrift De spectaculis 30,6. Danach soll der Gärtner die Leiche beiseite geschafft haben, damit die vielen Besucher seine Salatpflanzen nicht zertrampeln.

            2. Ein zweites Argument für die Realität des leeren Grabes lautet: Die Behauptung der Auferstehung Jesu impliziert nach jüdischer Auffassung das Leersein des Grabes, da nach jüdischer Auffassung Auferstehung immer leibliche Auferstehung war. Also mußte das Grab leer sein, wenn man diese Botschaft glaubhaft machen wollte. Dieses Argument scheint mir entscheidend.

            3. Ein drittes Argument für das leere Grab sagt schließlich: Es wurde von Frauen entdeckt. Frauen waren nach jüdischem Recht nicht zeugnisfähig. Wenn die Entdeckung eine Erfindung wäre, dann hätte man Männer als Finder auftreten lassen, um die Geschichte glaubwürdiger zu machen.

            Dieses Argument ist m.E. allerdings das schwächste von allen. Da es keinen Gerichtsprozeß gab zur Untersuchung der Sache, spielt es auch keine Rolle, ob Frauen vor Gericht zeugnisfähig sind oder nicht. Viel wichtiger ist die Überlieferung, daß die Jünger die Nachricht der Frauen, das Grab sei leer, zunächst für leeres Geschwätz hielten (Lk 24,11). Aber auch, nachdem einige Männer die Sache nachgeprüft haben und die Aussagen der Frauen bestätigt finden, wundern sie sich zwar, kommen aber nicht auf den Gedanken, das könnte ein Hinweis auf die Auferstehung sein (Lk 24,12.22-24). Es spielt also offensichtlich keine Rolle, ob Männer oder Frauen als Zeugen dieses Sachverhalts auftreten. Was man nicht wahr haben will, das glaubt man einem Mann so wenig wie einer Frau, heute wie damals. Es gibt also aufs Ganze gesehen zwei schwache Gründe, die gegen eine Historizität des leeren Grabes sprechen, und zwei starke Gründe, die für sie sprechen. Damit ist die Sache für den Historiker eigentlich klar. Daß heute dennoch selbst ernsthafte Exegeten davon ausgehen, daß unsere Geschichte keinen historischen Kern hat, hängt m.E. nicht so sehr mit einer anderen Einschätzung des historischen Befundes zusammen, sondern vielmehr mit einer weltanschaulichen Vorentscheidung. Hier dürften zwei Vorurteile den Ausschlag geben:

            Erstens halten viele Wunder, vor allem aber Naturwunder, für unmöglich, und zweitens glauben viele nicht an die Wirklichkeit von Engeln. Ich halte beide Vorurteile für ungerechtfertigt. Naturwunder kann man nicht von vornherein für unmöglich erklären, und ich glaube auch, daß es so etwas wie Engel wirklich gibt. Das heißt nicht, daß ich jedes behauptete Naturwunder, auch nicht jedes in der Hl. Schrift, für historisch halte. Aber ich kenne keinen philosophischen oder naturwissenschaftlichen Grund, der Naturwunder völlig ausschließt, und es gibt genug zuverlässig bezeugte Naturwunder - man lese nur ein wenig in guten Heiligenbiographien. Im übrigen muß ich das für wirklich geschehen nehmen, was zuverlässig bezeugt ist. Wir müssen uns einfach klarmachen, daß eine übertriebene, kritiklose Wundergläubigkeit ebenso ein dogmatisches Vorurteil ist, wie eine übertriebene, kritiklose Wunderungläubigkeit. Weil ich also von diesem Vorurteil ausgehe, sehe ich keine Schwierigkeit, die Entdeckung des leeren Grabes samt der Engelserscheinung im wesentlichen so, wie sie Markus erzählt, für historisch zu halten. Die historischen Gründe, die für diese Annahme sprechen, haben wir ja behandelt.

            Entscheidend ist freilich nicht so sehr, was am Ostermorgen im einzelnen geschehen ist; entscheidend ist, daß wir begreifen, was das Hauptereignis dieses Morgens bedeutet. Dazu müssen wir uns an das erinnern, was wir zum Auferstehungsglauben im Frühjudentum gesagt haben. Auferstehung konnte man sich im Judentum nur als gemeinschaftliches Ereignis am Jüngsten Tag vorstellen, jenes Ereignis, mit dem der neue Äon inauguriert werden sollte und die Welt wieder neu erstehen in ihrer ursprünglichen Herrlichkeit. Wenn Jesus an jenem dritten Tag wirklich auferstanden ist als "Erstgeborener der Toten" (Offb 1,5), dann muß das alles irgendwie eingetreten und Wirklichkeit geworden sein. Das hat G.K. Chesterton einmal in der ihm eigenen originellen Weise so formuliert: "Als die Freundinnen Christi am dritten Tag bei Tagesanbruch zum Grab kamen, fanden sie es leer und den Stein weggerollt. In unterschiedlicher Weise begriffen sie das neue Wunder; doch selbst sie begriffen schwerlich, daß die Welt in der Nacht gestorben war. Was sie erblickten, war der erste Tag einer neuen Schöpfung mit einem neuen Himmel und einer neuen Erde; und in der Gestalt eines Gärtners ging Gott wieder durch den Garten, in der Kühle nicht des Abends, sondern der Morgendämmerung."[9] In sachgemäßer Allegorese sieht Chesterton im Garten von Getsemani das Paradies.[10] Wie Gott damals, beim Sündenfall, in der Kühle des Abends durch den Garten ging (Gen 3,8), so jetzt in der Kühle des Morgens (Joh 20,11-18). Dazwischen liegt die lange Nacht der vom Sündenfall gezeichneten Menschheitsgeschichte; sie ist mit dem Ostermorgen potentiell vergangen. Und das ist es ja auch, was das deutsche Wort "Ostern" und das englische "Easter" bedeuten: Morgenröte, Morgendämmerung.[11] An Ostern feiern wie die Morgendämmerung der neuen Schöpfung. In der Kirche, wo sie wirklich Kirche ist, dürfen wir diese neue Schöpfung erleben. Im Geist und in der Gemeinschaft der Heiligen ist sie verwirklicht.

 

Literatur

 

Essen, G.: Historische Vernunft und Auferweckung Jesu. Theologie und Historik im Streit um den Begriff geschichtlicher Wirklichkeit (TSTP 9), Mainz 1995.

 

Kremer, J.: Die Osterevangelien - Geschichten um Geschichte, Stuttgart 1977.

 

Theißen, G. / Merz, A.:  Der historische Jesus. Ein Lehrbuch, Göttingen 1996, 415-446.

 



[1] Aischyl. Eum. 648f. Vgl. Ag. 1360f. Das setzt schon Hom. Il. 21,56; 24,551.756 voraus. Vgl. R.M. Grant, Miracle and Natural Law in Graeco-Roman and Early Christian Thought, Amsterdam 1952, 48 (Palaiphatos). 51 (Späte Stoiker).

[2] K. Müller, Das Weltbild der jüdischen Apokalyptik und die Rede von Jesu Auferstehung: BK 52 (1997) 8-18, hier 10.

[3] "Schon bald muß sich die Überzeugung, Jesus sei lebendig, mit einem leeren Grab in der Nähe seiner Hinrichtungsstätte verbunden haben. Es könnte wirklich von den in Jerusalem gebliebenen Frauen dort entdeckt worden sein. Im Lichte der Ostererscheinungen wurde es zum Zeugen der Auferstehung. Es ist aber nicht ausgeschlossen, daß ein in der Nähe Golgathas befindliches leeres Grab erst sekundär solche Überlieferungen an sich zog" (G. Theißen / A. Merz, Der historische Jesus 439).

[4] H. Strasburger, Die Bibel in der Sicht eines Althistorikers, in: ders., Studien zur Alten Geschichte (Collectanea XLII/3), Hildesheim 1990, 317-339, hier 336f.

[5] R. Pesch, Das Markusevangelium (HThK II/2), Freiburg 1977, 530.

[6] M.-J. Lagrange, Évangile selon Saint Marc, Paris 1966, 444. 

[7] J. Boer, "Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt" (1 Petr 3,15). Das leere Grab und die Erscheinungen Jesu im Lichte der historischen Kritik, in: ders. / J. Werbick (Hg.) "Der Herr ist wahrhaft auferstanden" (Lk 24,34) (SBS 134), Stuttgart 1988, 31-61, hier 40 Anm. 15.

[8] Vgl. W.L. Craig, The Histority of the Empty Tomb of Jesus: NTS 31 (1985) 39-67; Raymund Schwager, Die heutige Theologie und das leere Grab Jesu: ZKTh 115 (1993) 435-450. Er geht auch auf die Mythentheorie von E. Drewermann und M. Görg ein sowie die naturwissenschaftlich-weltanschauliche Problematik.

[9] G.K. Chesterton, The Everlasting Man. Schluß des Kapitels "The strangest story in the world" (Collected Works II 345). Der allegorische Bezug auf Gen 3,8 ist genial. Wir bräuchten dringend eine gute moderne Übersetzung dieses Werkes, das zu den besten gehört, die je über das Christentum geschrieben wurden.

[10] Das Sachgemäße dieser Korrelation wäre noch deutlicher, wenn J. Barr mit seiner Deutung der Erzählung in Gen 3 recht hätte (The Garden of Eden and the Hope of immortality, London 1992). Seiner Ansicht nach geht es ihr nicht so sehr um den Sündenfall als Begründung der Erbsünde, als vielmehr um die Unsterblichkeit, die einen Augenblick lang in greifbare Nähe rückte, aber den Menschen verweigert wurde (Gen 3,22!). Sein Büchlein schließt: "Die Menschheit war nicht reif für den Baum des Lebens. Aber dieser blieb dort im Garten. Später kam einer, um den Mangel gut zu machen. Damit kam die Unsterblichkeit zur Welt" (116).

[11] Das althochdeutsche "ostara" "gibt das lateinische albae, in albis (im Sinn von ‘bei Sonnenaufgang', althochdeutsch 'zu den ostarun') wieder, wohl vor dem Hintergrund von Mk 16,2par." (G. Visonà: TRE 25 [1995] 518f). Die angebliche germanische Göttin der Morgenröte, die immer noch durch den Zeitungswald geistert, ist nirgends nachzuweisen. Vgl. F. Kluge, Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, Berlin 211975 s.v.



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