Elisabeth

Prof. Dr. Marius Reiser

Die Kleider der heiligen Elisabeth

Ansprache in Oberwalluf am 23.11.2008


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Kleider machen Leute, und Kleider spielen eine große Rolle im Leben der hl. Elisabeth. Eines ihrer Kleider befindet sich hier in der Kirche, und es vergegenwärtigt die Heilige besser und eindrucksvoller als ein großes Kunstwerk. Das ist wohl Anlaß genug, um der Sache mit den Kleidern noch ein wenig nachzugehen.
Die Landgräfin mußte bei offiziellen Gelegenheiten, zumal in Anwesenheit ihres Mannes, natürlich in prächtiger höfischer Kleidung erscheinen. Sonst aber zog sie es vor, sich schlicht und einfach zu kleiden. Ihre Prunkgewänder gab sie nicht selten als Almosen. Dabei riet sie den Armen, sie weiterzuverkaufen mit dem Hinweis, sie kämen von ihr; so könnten sie einen höheren Preis verlangen. Das ging so weit, daß sie eines Tages ihren Mann in große Verlegenheit brachte. Denn als einmal vier ungarische Edelleute einen Besuch bei ihr machen wollten, stellte es sich heraus, daß sie nicht in der Lage war, ihre Gäste in standesgemäßen Kleidern zu empfangen. Wir dürfen ja nicht vergessen, daß es im Mittelalter noch Kleiderordnungen für die verschiedenen Stände gab. Es durfte sich nicht jeder ohne weiteres kleiden wie er wollte. An den hohen Prozessionen nahm Elisabeth aber in einfacher Tracht und mit bloßen Füßen teil.
Diese Frau liebte die Armut, weil Christus sie geliebt hatte. Hat Christus doch bekanntlich die Armen selig gepriesen und den Reichen erklärt, sie hätten ihren Trost empfangen und keinen weiteren zu erwarten (Lk 6,20-26). Von diesem Gedanken waren zur Zeit unserer Heiligen viele ergriffen. Aber es war, zumal für eine verheiratete Frau und Landgräfin, nicht leicht, nach diesem Ideal zu leben. Ihre Dienerinnen berichten, sie hätte schon als Landgräfin die radikale Bettelarmut geliebt und häufig mit ihnen darüber gesprochen. Bei einer Gelegenheit hätte sie sich einen schäbigen Mantel angezogen, den Kopf mit einem alten Tuch bedeckt und dazu gesagt: „So werde ich daherkommen, wenn ich betteln gehen und für Gott Elend erdulden werde.“ Solange das noch nicht möglich war, trug sie wenigstens härene oder wollene Unterkleider, die auf der Haut kratzten. Daran sieht man, daß es ihr ernst war mit dem Gedanken- und Theaterspiel.
Mit dem härenen Gewand stellte sich Elisabeth in eine große Tradition. Diese Tradition beginnt mit dem Propheten Elija. Wir kennen diesen Propheten von seinen Auseinandersetzungen mit König Ahab, seinem Wettstreit mit den Baalspropheten, seiner Freundschaft mit der Witwe von Sarepta, seinen Wundern, seiner Gottesbegegnung am Horeb und seiner Himmelfahrt mit einem feurigen Wagen. Leute, die ihm begegneten, ohne zu wissen, wer er war, beschrieben ihn einem Dritten so: „Es war ein Mann, bekleidet mit einem härenen Mantel und einem Ledergurt um die Hüften.“ Da weiß der andere Bescheid: „Das war Elija von Tischbe!“ (2 Kön 1,8).
Die Tracht des Elija nahm Jahrhunderte später ein anderer berühmter Prophet wieder auf: Johannes der Täufer. „Er war gekleidet in Kamelhaare und trug einen Ledergurt um die Hüften“, heißt es von ihm (Mk 1,6). Und als seine gewöhnliche Nahrung werden Heuschrecken und wilder Honig angegeben. Dabei darf man nicht übersehen, daß Johannes der Täufer als Priestersohn ein Adliger seiner Zeit war, der nicht weniger gegen die Konventionen und Erwartungen seiner Gesellschaftsschicht verstieß als die hl. Elisabeth. Und wer aus der vorgegebenen Rolle fallen will, tut das schon durch die Kleidung kund.

Elisabeth wuchs auf in der Welt der schönen, prachtvollen Kleider. Diese zogen ihr andere an und erwarteten, daß sie sich darin nicht nur wohlfühlen würde, sondern daß sie auch stolz darauf wäre. In diesem Fall aber wurde ihre Erwartung enttäuscht. In ihren schönen Kleidern fühlte sich die Landgräfin unwohl, und Stolz war etwas, was sie fürchtete wie den Teufel. Mit Recht, denn in jedem christlichen Katechismus kann man lesen, daß die Wurzel aller Untugenden der Stolz ist. Wenn also schöne Kleider den Stolz begünstigen, dann sollte man sich davor hüten. So jedenfalls hielt es die Heilige.
Nach dem Tod ihres Mannes, den sie zwanzigjährig verliert, erhält sie endlich das Kleid, nach dem ihr das Herz stand: das graue Kleid der Frauen und Männer, die sich der freiwilligen Armut verschrieben hatten. Grau bedeutete: ungefärbt. Denn das Färben der Kleider war im Mittelalter eine teure Angelegenheit. In diesem grauen Kleid kann die verwitwete Königstochter  endlich dem Beruf nachgehen, nach dem sie sich immer gesehnt hat: der Krankenpflege. „Elisabeth von Thüringen ist in der Geschichte die erste Frau von Rang und Besitz, die persönlich Arme und Kranke pflegt.“[1] Und sie pflegte mit Vorliebe jene Elenden, vor denen sich alle anderen ekelten.
Das war in den Augen der Welt ein steiler Abstieg. Ihr Vater, der König von Ungarn, hörte, seine Tochter lebe in Marburg wie eine Bettlerin im Elend, und schickte einen Grafen mit großem Gefolge, um sie zurückzuholen. Als der Graf ankam, traf er sie beim Wolle spinnen mit der Spindel an. Er bekreuzigte sich und rief aus: „Noch nie hat man eine Königstochter Wolle spinnen sehen!“ Als sie einmal ihre Tante, die Äbtissin von Kitzingen, besuchte, war diese entsetzt über ihre zerissenen und geflickten Kleider. Am meisten aber störte sie das ungepflegte Äußere ihrer Nichte, so daß sie ihr als erstes ein Bad verordnete. Daraus entwich Elisabeth jedoch nach kurzem Fußplätschern, um ihrem „Leib diese Wohltat vorzuenthalten“.[2]
An diesem Punkt sind auch gutwillige, fromme Katholiken von heute geneigt, der Äbtissin von Kitzingen beizupflichten und die Heilige für allzu exzentrisch zu halten. Darf man denn so eklatant gegen alle Regeln der Hygiene und Gesundheit verstoßen, von der Rücksicht auf die Augen und Nasen der Mitmenschen einmal ganz abgesehen? Kann das Gottes Wille sein? Ich wage es nicht, diese Frage zu entscheiden. Wahrscheinlich läßt sie sich auch gar nicht ein für alle Mal entscheiden. Aber ich möchte an dieser Stelle doch zwei Dinge zu Bedenken geben.

Das erste: Ist es nicht merkwürdig, wie selbstverständlich wir die Überspanntheiten und das exzentrische Gehabe von Popstars und Künstlern akzeptieren, ja täglich in der Zeitung oder in Magazinen lesen, um Neues darüber zu erfahren? Und schauen wir uns nicht mit Genuß die Bilder an, wo sie in ihren verrückten Kleidern zu sehen sind? Und ist unsere Neugierde so ganz frei von Bewunderung, auch für die Exzesse dieser Großen, selbst wenn es Alkoholexzesse sind?
Das zweite: Vielleicht brauchen wir gerade heute „extreme Existenzen“.[3] Propheten und Heilige waren schon immer solche extreme Existenzen, Radikale auf religiösem Gebiet, kompromißlos bis zum Äußersten und ohne Rücksicht auf gesellschaftliche Konventionen und die eigene Gesundheit. Ernste Warner und vernünftige Ratgeber haben wir genug, ja es fehlt nicht einmal an Wirtschaftsweisen. Und was helfen sie? Hören wir auf sie? Wissen sie immer das Richtige? Haben sie auch nur den Finanzskandal vorhergesehen, für den der deutsche Staat in diesem Jahr mit 500 Milliarden Euro geradesteht? Um mit der Nase auf etwas gestoßen zu werden, benötigen wir extreme Existenzen. Daß es, wenigstens in der Kirche, heute so wenige davon gibt, ist ein alarmierendes Armutszeugnis.

Wir haben als roten Faden dieser Betrachtung die Kleider der hl. Elisabeth gewählt, weil wir eines davon bei uns haben und weil nach dem Sprichwort Kleider Leute machen. Natürlich machen Kleider keine Heiligen. Aber Kleider haben immer Zeichen- und Symbolfunktion. Es gibt eine „Kleider-Sprache“, deren Bedeutungsgehalt entziffert sein will.[4] Da machen auch die Kleider der Heiligen keine Ausnahme. Kleider dienen sogar, im Fall von wirklichen Heiligen, als Reliquien. Das wußte auch Elisabeth. Zu ihren Mägden, die dabei waren, alte Kleiderteile wegzuwerfen, sagte sie einmal im Scherz: „Ihr tätet besser daran, diese Tücher aufzuheben. Dann müßtet ihr sie nach meinem Tod nicht erst suchen, wenn ich einmal heilig bin und Gott durch mich Wunder wirkt.“ Diese Anekdote beweist im übrigen, daß diese Radikale Humor hatte. Und daß sie heilig werden wollte.
Nun, Gott hat nach ihrem Tod, nicht vorher, Wunder durch sie gewirkt. Der Abt von Eberbach und der Erzbischof von Mainz sammelten über hundert Wunder, die an ihrem Grab geschehen sein sollen. Bereits fünf Jahre nach ihrem Tod, im Jahr 1236, wurde sie heilig gesprochen. Als Heilige ist sie uns ein Zeichen und Vorbild, selbst wenn wir sie nicht in allem nachahmen wollen. Und als Heilige trägt sie noch einmal andere Kleider, von denen im Alten und im Neuen Testament die Rede ist. So heißt es an einer schönen Stelle im Propheten Jesaja (61,10):

Ich werde mich freuen am Herrn,
meine Seele soll jauchzen über meinen Gott!
Denn er kleidet mich in Gewänder des Heils,
er hüllt mich in den Mantel der Gerechtigkeit,
wie der Bräutigam sich festlich schmückt,
wie die Braut ihr Geschmeide anlegt.

Diese Kleider kommen also von Gott, er legt sie den Heiligen persönlich an, „die Gewänder des Heils“ und „den Mantel der Gerechtigkeit“. Und dann werden Freude und Jubel herrschen wie bei einer Hochzeit.

     Im letzten Buch der Heiligen Schrift, der Offenbarung des Johannes, ist ebenfalls von einer Hochzeit die Rede, einer ganz besonderen freilich: der Hochzeit des Lammes und seiner „Frau“. Mit dem Lamm ist natürlich das Lamm Gottes, d.h. Christus, gemeint, und mit seiner „Frau“ die Kirche. Die Hochzeit findet statt nach dem Untergang der in Purpur und Scharlach gekleideten „Hure Babylon“, der großen Gegnerin der „Frau“ des Lammes. Dann wird gesungen (Offb. 19,6-8):

Halleluja!
Denn der Herr hat die Herrschaft ergriffen,
unser Gott, der alles regiert!
Laßt uns fröhlich sein und jubeln
und ihm die Ehre erweisen!
Denn gekommen ist die Hochzeit des Lammes
und seine Frau hat sich geschmückt.
Zum Anziehen hat man ihr Byssusleinen gegeben,
glänzend und ganz rein.

(Das Byssusleinen aber sind die gerechten Taten der Heiligen.)

Byssus ist in der Antike das feinste Leinen; in Byssus kleidet sich auch der reiche Prasser des Gleichnisses (Lk 16,19). Um aber ja kein Mißverständnis aufkommen zu lassen, fügt der Seher noch eine Erklärung hinzu: Das himmlische Byssusleinen besteht aus den gerechten Taten der Heiligen. Nun haben gerechte Taten oft etwas „härenes“ an sich: Sie werden von den Mitmenschen nicht selten belächelt oder mit spitzen und bissigen Bemerkungen kommentiert. Gerechte Taten können deshalb unangenehm sein für jene, die sie tun. Und Undank ist der Welt Lohn. Aber wie wir gewiß sein dürfen, daß sich das härene Kleid der hl. Elisabeth in himmlisches Byssusleinen verwandelt hat, so dürfen wir zuversichtlich hoffen, daß sich dieser Wandlungsprozeß auch bei den härenen Kleidern vollziehen wird, die wir, wie unsichtbar auch immer, an uns tragen.



[1] G. Kranz, Zwölf Frauen 74.

[2] Nach Th. Albrecht/ R. Atzbach, Elisabeth von Thüringen 32007, 47.

[3] Vgl. R. Schneider, Winter in Wien 138. Reinhold Schneider hat die wahrscheinlich beste Darstellung dieser extremen Existenz gegeben: Elisabeth von Thüringen, in: Ders., Gelebtes Wort, hg. Von C. Winterhalter, Freiburg i.B. 1961, 179-220 (entstanden 1955).

[4] Vgl. M. Schneede, Art. „Kleider-Sprache“, in: Münchner Stadtmuseum (Hg.), Anziehungskräfte. Variété de la mode 1786-1986, 279-283, hier 279f.


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