Predigten im Jahreskreis

Arm vor Gott

Predigt zum 4. Sonntag im Jahreskreis A (Mt 5, 1-12)

Pfarrer Dr. Johannes Holdt, Schömberg


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Jesus preist die Armen selig, genauer gesagt: die Armen „vor Gott“ oder wie es eigentlich, wörtlich übersetzt heißt: die Armen im Geist“ (Mt 5,3). - Es geht also um Armut in einem umfassenden Sinn.
Fragen wir also: Was heißt „Armut“ und wer sind die „Armen vor Gott“?

Es gibt eine dreifache Armut: die materielle Armut, die menschliche Armut und die geistliche Armut.
Die Grundform aller Armut ist die materielle Armut. Für die angeblich so hoch entwickelte Menschheit des 21. Jahrhunderts ist sie eigentlich eine Schande. Da lässt man Raumsonden zum Mars fliegen – welch grandioser Fortschritt – und gleichzeitig hungern eine Milliarde Menschen auf dem Globus. Und das heißt konkret: jeden Tag verhungern Tausende in unserer Welt.
Das darf uns niemals gleichgültig lassen, dass der Reichtum und die Güter so ungleich verteilt sind. Die einen leben im Überfluss und die anderen, die genauso Kinder Gottes sind und genauso das Recht auf Leben haben, denen fehlt das bisschen Brot und das bisschen Wasser, um zu überleben und ein karges Dasein zu fristen.
Gott aber steht auf der Seite dieser Armen und er erwartet von den Reichen, dass sie die Armen, nicht alleine lassen. Und deshalb sollte jeder von uns – soweit es ihm möglich ist – für etwas mehr Gerechtigkeit sorgen, das heißt den „ungerechten Mammon“ teilen, ja das „Teilen dem Besitz vorziehen“, wie Papst Franziskus in einer Auslegung unseres Evangeliums sagte.
Und dabei sollten wir auch ein Auge und ein Herz für die Armen bei uns haben, von denen es viele gibt, auch wenn sie nicht verhungern. - „ Habe ich einen Freund unter den Armen?“ diese Frage sollte uns bewegen und unser Handeln bestimmen.
Armut im weiteren Sinn kann man menschliche Armut nennen. Eine, die über Armut besser Bescheid wusste als irgendjemand, die sich für die Ärmsten der Armen aufgeopfert hat, die hl. Mutter Teresa von Kalkutta, sagte: „Die schlimmsten Geißeln der Menschheit sind nicht Krebs und Aids, sondern das Gefühl unerwünscht, ungeliebt , überflüssig zu sein“.
Armut ist nicht nur die Armut an Geld, sondern die Armut an Anerkennung, an Wert, an Liebe. Wenn man nichts mehr wert ist bei den Menschen, nutzlos, bloß noch eine Last für die Gesellschaft. Das ist die größte Not, und die härteste Armut. Und solche Arme, sagte Mutter Teresa, habe sie gerade in den reichen Wohlstandsländern zu Hauf getroffen.
Allen, die sich so fühlen, sagt Jesus feierlich zu: „Selig seid ihr! Für mich seid ihr wichtig, ich will euch und ich liebe euch, bei mir seid ihr nicht auf dem letzten, sondern auf dem ersten Platz“. – Ist das nicht wirklich „Evangelium“, Freudenbotschaft für jeden sich verlassen fühlenden Menschen?
Und schauen wir noch auf die dritte Dimension der Armut, die geistliche Armut, die Armut des Glaubens. Die kennt nur derjenige, der bewusst Jünger Jesu sein will, dem der Glaube wichtig ist. Was ist nun diese Armut?
Es ist die Ohnmacht im Gebet und die apostolische Wirkungslosigkeit.
Wir glauben an Gott, wir vertrauen ihm, wir beten zu ihm, und manchmal bestürmen wir ihn mit unseren Gebeten… aber die Bitte wird nicht erfüllt. Unser Beten und Glauben scheint umsonst gewesen zu sein. - „Scheint“ – denn kein ehrliches Gebet ist sinnlos und wird nicht gehört. Es passiert nur nicht immer das, was wir uns sehnlich wünschen. Und wir müssen uns durchringen zur Ergebung in Gottes Willen: „Dein Wille geschehe, nicht meiner“.
Und genauso ist es mit unserem Wirken, unserem Einsatz für den Glauben und die Kirche. Wir geben uns redlich Mühe, ob wir nun Pfarrer sind, die Sonntag für Sonntag das Evangelium verkünden, oder ob wir Eltern oder Großeltern sind, die sich sorgen um den Glauben und das Christentum in den Familien, die den Jungen gewissenhaft den Glauben weitergeben wollen, oder ob wir in der Ehe hoffen, dass der Partner doch auch einmal anspringt und mitzieht… Manchmal scheint alle Liebesmüh umsonst zu sein. Es geht nichts, es bewegt sich nichts, ja es wird sogar noch schlechter.
Diese Erfahrung der Wirkungslosigkeit haben schon viele gemacht, denen Gott Herzenssache war. Sogar der große Prophet Jesaja klagt einmal: „Vergeblich habe ich mich bemüht, habe meine Kraft umsonst und nutzlos vertan“ (Jes.9,4).
Es ist schwer, diese Armut, diese Ohnmacht zu ertragen – und trotzdem nicht aufzugeben. Die zweite Seligpreisung („Selig die Trauernden“) hat damit zu tun. Es ist traurig, dass so viele Gott vergessen, fern von Gott leben. Und wir stehen mit der Armut unseres Glaubens gegen eine ganze säkulare Welt, eine Welt, die ohne Gott lebt.
Vielleicht will Gott, dass wir mit ihm den Schmerz über eine weithin gottvergessene Welt teilen. Denn er, der Vater, sehnt sich selbst ja am meisten nach seinem Volk, nach all seinen verlorenen Söhnen und Töchtern...
Liebe Mitchristen, Armut – in welcher Weise auch immer - ist hart. Aber Armut ist auch unser Glück. Sie macht uns zu Bürgern des Himmelreichs. Und das ist das Wichtigste und alles Entscheidende in Zeit und Ewigkeit.

 

AMEN


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