PREDIGTEN IM JAHRESKREIS:

Gott klagt an
Predigt am Karfreitag

Pfarrer Dr. Johannes Holdt, Schömberg


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Die meisten Menschen leben bei uns bekanntlich weitgehend ohne Religion, ohne an Gott zu denken oder gar den Glauben zu praktizieren.
Aber eine Situation gibt es, wo selbst der kirchenfernste Zeitgenosse, oder auch die areligiöseste Öffentlichkeit plötzlich Gott bemüht. Und zwar dann, wenn irgendein Unglück passiert ist, eine Katastrophe oder im Leben des Einzelnen etwas Tragisches.
Dann plötzlich kommt Gott wieder ins Spiel, aber negativ: als Angeklagter.
Wie konnte Gott das zulassen?“ „Wo warst du, Gott?“ „Warum hast du das nicht verhindert? - Gott auf der Anklagebank.
Wenn man Gott zu nichts mehr brauchen kann, dann doch wenigstens, um jemanden zu haben, den man anklagen kann…..
Und so ganz fern ist diese Haltung uns allen nicht, wenn wir mal ganz ehrlich sind. Auch bei frommen Christen gibt es im hintersten Herzenswinkel oft Bitterkeit, Hader, heimlichen Groll gegen Gott. Weil manches im Leben nicht so gelaufen ist, wie man sich das gewünscht hat.

Neulich hatte ich ein Erlebnis mit einer älteren Frau. Ich sehe sie oft in der Kirche, aber sie singt nicht – ja selbst bei „Großer Gott“ macht sie ein versteinertes Gesicht und presst die Lippen zusammen. Warum? Einmal sprach ich sie darauf an, und es kam prompt die Antwort: „Seitdem meine Schwester so früh gestorben ist, singe ich nicht mehr in der Kirche!“ – Aha, da haben wir es! Gott wird bestraft – durch Liebesentzug – für den Tod der Schwester. Wie dringend nötig wäre es, diesen Eiterzahn endlich zu ziehen - durch eine ganz einfache Operation: die Versöhnung mit Gott im Beichtsakrament. Und endlich wäre sie von ihrem alten Hader erlöst.
Gott auf der Anklagebank.
Heute ist es einmal anders. Heute, in dieser Karfreitagsliturgie ist es gerade umgekehrt. Heute klagt Gott über uns seine Menschenkinder, und fragt uns:

„Mein Volk, was habe ich dir getan? Antworte mir!“Improperien“ – Klagen Gottes – heißt dieser Gesang, der bei der Kreuzverehrung am Karfreitag seit frühester Zeit in der katholischen (und der orthodoxen) Kirche angestimmt wird. Gott zählt seine Wohltaten auf, für die er als Dank den Tod am Kreuz bekommen hat:

„Mein Volk, was habe ich dir getan,
womit nur habe ich dich betrübt?
Antworte mir!
Aus der Knechtschaft Ägyptens habe ich dich herausgeführt.
Du aber bereitest das Kreuz deinem Erlöser.
Vierzig Jahre habe ich dich geleitet durch die Wüste.
Ich habe dich mit Manna gespeist
und dich hineingeführt in das Land der Verheißung.
Du aber bereitest das Kreuz deinem Erlöser.
Was hätte ich dir mehr tun sollen und tat es nicht?
Als meinen erlesenen Weinberg pflanzte ich dich,
du aber brachtest mir bittere Trauben,
du hast mich in meinem Durst mit Essig getränkt
und mit der Lanze deinem Erlöser die Seite durchstoßen…
Mein Volk, was habe ich dir getan,
womit nur habe ich dich betrübt?
Antworte mir!“

Und so fragt heute Gott auch mich und dich: Was habe ich dir getan? Antworte mir! Warum bist du so bitter geworden?
Habe ich dir nicht Gnade über Gnade geschenkt vom ersten Augenblick deines Daseins an? Habe ich dir nicht vor allem die Gemeinschaft mit mir geschenkt, dass du mit mir leben darfst, nie alleingelassen bist und Hoffnung hast, ewig bei mir daheim zu sein?
Warum deine Undankbarkeit, dein versteinertes, verbittertes Herz? Warum deine Müdigkeit und Lustlosigkeit im Glauben?
So fragt uns unser Gott heute. „Mein Volk, was habe ich dir getan? Antworte mir!“

Lassen wir ihn nicht ohne Antwort. Antworten wir ihm jetzt in dieser Feier und in unserem Leben.

 

Amen.


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