In
den wenigen Sätzen des heutigen Evangeliums kommt ein Wort viermal vor: „wach“.
„Bleibt wach!“, sagt der Herr und: „seid wachsam!“ So heißt es dreimal und dann
dasselbe nochmals mit anderen Worten: „Lasst euch nicht schlafend antreffen!“ (Mk 13, 33.34.35.36.37).
Das scheint dem Herrn also sehr wichtig zu sein. Seine Jünger sollen wach sein, hellwach und
ja nicht verschlafen. Ganz Auge und ganz Ohr, aufmerksam für das, was geschieht
in der Welt und in ihrem Leben und ihrem Verantwortungsbereich. („Er –der Herr
- übertrug alle Verantwortung seinen Dienern, jedem eine bestimmte Aufgabe“/ Mk 13, 34).
Christen
müssen sozusagen das Gegenteil sein von den berühmten „Drei Affen“:

Nichts hören - nichts
sehen - nichts sagen.
Sicher. Das ist das Bequemste. Da kommt man in nichts rein. Aber mit dem
Glauben ist diese Haltung nicht vereinbar. Wir sind in diese Welt und in diese
Zeit und in unser Leben hineingestellt, um zu sehen und zu hören, was passiert –
im Großen und im Kleinen – darüber nachzudenken, uns ein Urteil im Licht des
Glaubens zu bilden, die Zeichen der Zeit zu deuten, die positiven und die
negativen und dann – wenn es angezeigt ist – den Mund aufzumachen.
Das erwartet Gott von uns, das ist die Verantwortung, die wir als seine Diener
und seine Zeugen vor den Menschen haben.
Nehmen wir zum Beispiel das Thema Lebensschutz. Papst Benedikt hat den Samstag
vor dem ersten Advent zum jährlichen Gebetstag für die ungeborenen Kinder
erklärt. Es ist doch eine Tragödie, was hier passiert, dass Jahr um Jahr ein
Fünftel bis ein Viertel eines Jahrgangs in Deutschland (120.000 Kinder) nicht
das Licht der Welt erblicken dürfen. Damit kann man sich doch nicht abfinden.
Da liegt doch kein Segen darauf, am wenigsten für die betroffenen Frauen und
ihre Familien, aber auch für das ganze Volk nicht. „Ein Volk, das seinen Nachwuchs
tötet, hat keine Zukunft“, pflegte Papst Johannes Paul II. zu sagen.
Und schlimm ist, wie das totgeschwiegen wird von der Politik, von allen
Parteien.
Hier beim Totschweigen nicht mitmachen, sondern wiederum hellwach sein, präsent
sein, Stellung beziehen, darauf kommt es an!
Und wo immer wir es mit einem Fall persönlich zu tun bekommen, wo ein unerwünschtes
Kind unterwegs ist: Zum Ja zum Leben ermutigen und Hilfe anbieten, sich
einsetzen und nicht raushalten!
Liebe
Gläubige, die meisten Leute meinen, was im Leben passiert, sei Zufall, und es käme bloß darauf an, sich
möglichst elegant und unbehelligt durchzulavieren.
Nein, alles , was passiert und was mir begegnet, hat eine Bedeutung und ist
auch immer eine Anfrage an mich. – Welche Antwort gebe ich?
Das Evangelium sagt mir: Schau alles, was passiert, – auch und vor allem das Schwierige
– im Licht des Glaubens an und sage und tu dann das Richtige. Das ist es, was
der Herr von einem guten und treuen Jünger erwartet.
Also: aufmerksam sein, wachsam sein. Was geschieht, was mir passiert und
begegnet, auch wer mir begegnet, das ist nicht blinder Zufall, sondern die
Sprache Gottes in meinem Leben.
Noch
ein letzter Gedanke. Auch bei dem, was wir jetzt tun, heißt es wach und
aufmerksam sein. Denn auch und gerade hier in der Feier der Eucharistie passiert
nicht irgendetwas, sondern gerade hier will Gott mich, sein Kind, seinen
Diener, erreichen und ansprechen. Die Messe ist das große Geheimnis unseres
Glaubens, der neue und ewige Bund mit Gott in Jesu Blut
Alles, was hier geschieht, hat Bedeutung, und kann auch Gottes ganz
persönliches Wort für mich sein, in meine Situation, auch in meine Not hinein.
Ein Wort des Evangeliums (vielleicht auch einmal aus einer Predigt… ), ein
Gebet der Liturgie, eine Liedzeile, nicht zuletzt die heilige Kommunion, in der
Christus mir seine Liebe schenkt. Deshalb: Wach sein, präsent sein, die
Antennen weit ausfahren. Und jedes fruchtbare Samenkorn einzufangen versuchen.
Nehmen wir uns das vor für die Wochen des Advents. Sinnvoll ist der Advent
dann, wenn ich ihn mit der Kirche, mit der Liturgie der Kirche wachen Herzens
begehe. Die Adventsonntage oder die so
stimmungsvollen Roratemessen. In der Dunkelheit des
frühen Morgens oder des Abends, wenn alles noch schläft oder schon Feierabend
macht. Dann sind wir da mit unseren Kerzen, die im Finstern scheinen. Und wir
warten auf den Herrn. Wir beten und singen. Er soll uns nicht schlafend finden,
wenn er kommt.
Amen.
"Die Schläfrigkeit der Jünger bleibt die Jahrhunderte hindurch die Chance für die Macht des Bösen. Diese Schläfrigkeit ist eine
Abstumpfung der Seele, die sich nicht aufregen lässt durch die Macht des Bösen in der Welt, durch all das Unrecht und das Leid,
das die Erde verwüstet. Sie ist eine Stumpfheit, die all dies lieber nicht wahrnehmen möchte; die sich beruhigt, dass alles schon nicht so schlimm
sei, um in der Selbstzufriedenheit des eigenen gesättigten Daseins fortfahren zu können. Aber diese Stumpfheit der Seelen, dieser Mangel
an Wachsamkeit sowohl für die Nähe Gottes wie für die drohende Gefahr des Übels, gibt dem Bösen Macht in der Welt" (Benedikt XVI., Jesus von Nazareth,
Zweiter Teil, Freiburg 2011, 173 f.)
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